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Mit Bike und Bart zu Glemseck 101

Text
Michael Petersen

Fotos
Matthias Mederer

Laut, schräg, wild – eben Glemseck 101. Unter die 75.000 Besucher mischen sich ganz wenige klassische Motorradfahrer. Einer von ihnen hat seine Eindrücke aufgeschrieben. Ein Top-Event aus dem Blickwinkel des Glemseck 101-Neulings.

»Komm‘ doch auch vorbei bei Glemseck 101!« Ist ja nett, wenn die jungen Kollegen in der ramp-Redaktion den etwas gealterten Herren nicht vergessen. Glemseck 101? »Das so ziemlich größte Top-Event Europas für Custombikes, nur wissen das viele nicht«, heißt es in der Runde. Stimmt, zu den vielen gehöre zum Beispiel ich. Glemseck ist nun freilich kein neues Wort für mich. 1964 wurde dort das beste Solitude-Rennen ausgetragen. Formel 1, der Sieger Jim Clark vor John Surtees, dazu die Rennen zur Motorrad-Weltmeisterschaft. 400.000 Zuschauer waren damals vor Ort. Ich auch. Also gut, damals die ganz großen Rennen über einen Rundkurs von 11,3 Kilometer, heute ein Beschleunigungsduell auf der alten Start-und Ziel-Geraden über die 1/8 Mile. Genau dort, wo das renovierte Start- und Ziel-Haus noch immer an die guten alten Zeiten erinnert. Die Anreise zu Glemseck 101 soll standesgemäß erfolgen, auf zwei Rädern. Und als Nicht-zu spät-Aufsteher bin ich früh genug dran, um einen Parkplatz auf der L1187 Leonberg-Glemseck-Stuttgart zu finden. Rückwärts gegen die Leitplanke gestellt reiht sich Maschine an Maschine. Edle Bikes sind dabei, fast alle sanft oder hart verändert. Dazwischen als graue Maus ein völlig serienmäßiges Motorrad. Meine BMW R1100R.

Es sind viele Leute da. Sehr viele. Und dennoch: »Hey Michael, da bist Du ja!« Redakteur Max und Fotograf Matthias haben mich entdeckt, nach kaum fünf Minuten am Glemseck. Sie geben wichtige Tipps: Die beste Wurst gibt es dort hinten, im Glemseck-Biergarten. Max ist von Anfang an dabei bei Glemseck 101 bis jetzt zur 12. Ausgabe. Er sieht das Wachstum von der kleinen Show für Streetfighter zur großen Nummer. In Zahlen: 75.000 Besucher an diesem Wochenende. Max, dein Urteil: »Ein geiles Event, lauter Verrückte voller Leidenschaft.« Viele Inspirationen nimmt er mit nach Hause. Mal schauen, was seine Honda noch so alles über sich ergehen lassen muss.

Wilde Motorräder stehen herum. Da sagen Bilder mehr als 1000 Worte. Auch BMW Motorrad ist ganz offiziell mit einem stattlichen Stand vor Ort. Soll ich ein Pflegeset fürs Motorrad kaufen, zum Sonderpreis? Diese Custom-Bike-Szene erinnert mich daran, dass meine alte R80 RT veräußert werden soll. Bleibt sie im unverbastelten Originalzustand oder wird zum Schaustück? Kann mir das wirklich egal sein nach 12 Jahren Partnerschaft auf zwei Rädern?

Rock’n’Roll überall und in jeder Beziehung. Auf den Ohren klar, aber auch im Herzen. Keiner lässt es ruhig angehen. Und dem angemessenen Äußeren wird gerne nachgeholfen, gleich mehrere Barbiere stutzen Männerbärte, bringen sie in artgerechte Form. Rockabilly lässt grüßen. Das geschieht auf ausladenden Sesseln vor großem Publikum. Den Takt geben Rhythmen geradezu vor, der Rock’n’Roll klingt hier noch eine Umdrehung lauter.

Als Leonberger in Schülerjahren lag das Glemseck samt Solitude nah. Das muss früh abgefärbt haben. Schon in der Sandkiste spielten wir Buben mit Rennwagen, getunt durch Bleigewichte. Deren Namen: Connaught, BRM, Cooper, auch Ferrari. Dann 1962 der erste Besuch der Rennstrecke in Begleitung des Vaters. Blick durch die Bäume im Mahdental auf Rennwagen, die kaum zusehen, aber umso deutlicher zu hören waren. Nach einer Sekunde waren sie weg. Ein ums andere mal. Vater fand’s öde, der Bub jubelte über den Sieg der Porsche, Dan Gurney vor Joakim Bonnier. Zwei Jahre später, 1964, herrje, der Blick auf die Rennstrecke direkt vom Glemseck auf den Start und die ersten Kurven. Von einem in einen Baum genageltes Brett aus war die Sicht über die Köpfe der Erwachsenen frei.

Gedanken wie diese werden jäh unterbrochen. »Hallo Michael, soll ich den Landrat beim Eröffnungslauf gewinnen lassen?« Ein lachender Wolf Hammann steht vor mir. Der ist Ministerialdirektor im Sozialministerium, war schon Landespolizeipräsident und Regierungsvizepräsident in Tübingen. Er kennt manchen Journalisten der Region. »Wie bitte, den Landrat?« Tatsächlich tritt Hammann mit Warnweste beim Eröffnungskräftemessen gegen Roland Bernhard an, beide auf BMW Rnine T. Gelegenheitsmotorradfahrer Bernhard siegt und jubelt.

Tausende schauen zu. Mitten unter ihnen: ein älterer Herr von stattlicher Größe. Viele der jungen Besucher erkennen ihn nicht. Woher auch, liegen dessen Grand-Prix-Siege doch ein gutes Stück zurück: Es ist Dieter Braun, zweifacher Motorrad-Weltmeister in den 1970iger-Jahren. Er fährt nicht, andere Champions sehr wohl: so Freddie Spencer, dreimaliger Weltmeister 1983/1985, und Kevin Schwantz, Weltmeister von 1993. Beim entscheidenden Lauf siegt Freddie auf der Honda Fireblade gegen Kevin auf der Suzuki GSX-R.  Neben diesen beiden Stars ist alles, was Rang und Namen in der nationalen und internationalen Sprint-Szene hat, hier zu finden.

Ein bisschen Modenschau ist auch. Biker zeigen ihre Lederkombis, falls Lederjacken fehlen sollten, helfen die Verkaufsstände gerne aus. Vielsprachig wird parliert von gut aussehenden Männern, schicke Damen reichen Helme. Wie nur bekommen die Heros das Gel wieder aus dem Innenfutter? Andere Ladies fahren selbst, und das mit viel Erfolg. Selbst Freddie Spencer muss sich einmal der Stuntfahrerin Mai-Lin Senf geschlagen geben.

Nicht alle Bikes sind customized. Triumph zeigt die Modellpalette, spricht von Custom-Klassikern. Könnte mir gefallen, so ein britisches Bike.

Den geruhsamen Blick hindert guter Sound im Minutentakt. Paar für Paar nehmen die Beschleunigungsfreaks die 1/8 Mile unter die Räder. »Bitte ganz nach hinten gehen.« Die Tribüne am Strip ist gut gefüllt. ramp-Partner Essenza liefert kurz und knapp die Eckdaten des eigenen Wettbewerbs: Pure Bikes. No Dragsters. Zwei Räder. Zwei Zylinder. Maximal 1200 ccm. The Essence of Motorcycles gewinnt nicht nur, wer als erster die Zielflagge sieht, sondern auch das Bike mit der stimmigsten Formgestaltung. Vote now!

Auf dem Weg zurück ist das eigene Bike unter hunderten leicht auszumachen. Überall stehen Frauen, Männer und Kinder begutachtend und bewundernd vor den Motorädern. Die R1100R bleibt von Blicken unbehelligt. Mein Eindruck von Glemseck 101? Gerne wieder! Nur das passende Bike muss noch her. Und die Sache mit dem Bart klappt bis dahin ganz bestimmt auch.

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