Revolution auf zwei Rädern: die neuen Custom Bikes

Text & Foto
Helmut Werb

Im Petersen Automotive Museum in Los Angeles geht es ausnahmsweise mal nicht um Autos. Die aktuelle Ausstellung »Custom Revolution« eröffnete eine faszinierende Motorrad-Ausstellung über »alternative customizers«, den Einzelgängern unter den Einzelgängern.

Das Äquivalent einer kulturellen Revolution kommt auf zwei Rädern daher. »Alternative Custom«, das Metier modernistischer Bike-Veredler, bedeutet eine radikale Abkehr von hochgestellten Lenkern oder Flammen-verzierten Harley-Tanks und hat mehr Wurzeln in Indochina oder Vietnam als in Milwaukee. Die Motorräder des Deutschen Ehinger, des Japaners Kimura oder Maxwell Hazan’s futuristische Kräder aus Los Angeles gleichen metallischen Statuen – extrovertierte Maschinen, die signiert gehören. Unter den Erbauern befinden sich Silberschmiede und Designer, Dirk Oehlerking aus Gelsenkirchen veredelte Luxuslimousinen, bevor er Kingston Custom eröffnete.

Vor rund zehn Jahren begannen eigenbrötlerische Außenseiter mit Benzin und Lachgas im Blut, der alten Kunst des »Motorcycle Customizing« neue Ausdrucksformen zu verpassen. In den USA und in Japan gehörte exhibitionistische Individualisierung von Motorrädern (und Autos) seit Generationen zu einer besonderen Art des Initiationsritus, zu einem binären Stammesritual, das einerseits Anpassung verpönt, gleichzeitig aber einen eigenen »Tribe« initiiert.

Die wilde Welle der Alternative Customizer verwandelt die alten Biker-Totems in Kunstwerke, die – meist zweckentfremdet – Motorradkultur mit Steampunk, Skater-Kult und digitalem Expressionismus verbinden, und von Brad Pitt oder Keanu Reeves gekauft (und gesammelt) werden. Die Ausstellung »Custom Revolution« im Los Angeles Petersen Museum, dem Tempel automobilistischer Kultur in der kalifornischen Autostadt, zeigt eine beeindruckende Sammlung dieser mechanisierten Kunst.

Zeit war’s.

»Avantgarde« und »wegweisend« nennt das Petersen seine Ausstellungsstücke. Alte und neue Motoren, klassische  Chassis und Rennsporteinflüsse dienen als Inspiration, von »Rat Fink« hingegen keine Spur. Denn dieser Mischung fehlt die sonst übliche Nostalgie nach dem längst verlorenen Westen mitsamt der imaginären Freiheit eines Ritts in den Sonnenuntergang – die J63 Schwantz von Revival Cycle erinnert nicht an die Route 66, sondern an Cyberpunk-Fortbewegungsmittel aus »Blade Runner«. Dem Sequel.

Zwei Elektro-Bikes bilden die optischen Anker. Den Computersketch der »BMW Alpha« des türkischen Designers Mehmet Doruk Erdem entdeckten Customizers in Utah und bauten das Ding einfach nach. Krautmotors »E-Lisabad« experimentiert nicht nur mit E-Antrieb, sondern auch mit Oberflächen. Der 2015 Speedster der Hamburger Bike-Schmiede Ehinger Kraftrad verwendet ein Harley Motorgehäuse aus dem Jahr 1937 und Knucklehead-Köpfe, zwei Teile, die Ehinger erst nach langen Computersimulationen passend machen konnte. Customizers kommen aus den USA, Irland, Deutschland, Vietnam, Spanien, Indonesien und Japan. Unterstützt werden sie von Firmen wie Harley-Davidson, Ducati, BMW und Yamaha. Deren Designer schauen gerne mal bei Speed Shop Design in Boston vorbei, um sich Rat und Inspiration zu holen.

»I just like’em«, beantwortet erstaunt ein bärtiger, stark tätowierter Spätjugendlicher meine Frage, ob er das Ding gerne fahren würde, hätte er je die Chance. Er kniet vor der 2011 Black der Falcon Motorcycles, einer stark modifizierten Version einer 1952 Vincent Black Shadow. »Ride’em?« starrt er mich an, als käme ich von einem anderen Stern. »You don’t ride those! Aber anlassen würde ich sie gerne mal.«

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