Berlin calling

Medienexperiment Corona: Wir steuern einen Fotografen via Telefon aus dem Homeoffice heraus mit einem Bentley Continental GT V8 Cabriolet durch Berlin. Am Ende schicken wir das Team noch zu Wladimir Kaminer. Der hatte dann wirklich Fahrfreude.
Text Tom M. Muir
Bild Kirill Kirsanov · ramp.pictures

Mit einem gelben Bentley Continental GT V8 Cabriolet unterwegs in Berlin. Dach auf. Die Sonne scheint. Und das im Mai. Allein der Gedanke beschleunigt schon die Freisetzung von Glückshormonen. Aber Halt. Alles auf Anfang. Tatsächlich ist nur der Bentley, ein Fotograf und ein Fahrer in Berlin. Wir sitzen zuhause im Homeoffice, fast 700 Kilometer entfernt von Berlin. Zumindest die Sonne scheint auch hier. Aber das lustvoll sprotzende V8-Bollern, das Lederumrandete Lenkrad, das sich so perfekt an die Hand anschmiegt, der Schub beim Beschleunigen, der einem in den Rücken drückt, all das müssen wir uns vorstellen. Warum wir nicht selbst am Steuer sitzen in diesen Tagen? Wir sind es ehrlich gesagt Leid zu erklären und schenken uns eine Ausführung darüber.

Stattdessen: Medienexperiment mit Bentley: was geht vom Homeoffice aus? Was geht nicht? Wie viel Einfluss können wir nehmen? Welche Bilder bekommen wir? Und was macht eigentlich unser Kolumnist Wladimir Kaminer gerade so? Schließlich lebt der in Berlin.

Zunächst aber ein kurzes Telefonat mit dem Fotografen. Wie ist die Stimmung? »Bestens soweit. Die Straßen sind frei. Es ist nicht so, dass niemand unterwegs wäre, aber verglichen mit einem gewöhnlichen Wochentag ist so gut wie nichts los. Vor allem sieht man keine Touristen und die Läden und die Cafes sind alle geschlossen.« Klingt schon mal vielversprechend und ein bisschen unglaublich gleichermaßen. »Dann mal los, Jungs! Ein Mal die üblichen Prachtstraßen bitte. Und ein bisschen Sightseeing.« Keine zehn Minuten später meldet sich der Fotograf direkt vor dem Brandenburger Tor wieder. »Das ging flott.« Kein Verkehr eben. Also direkt weiter Richtung Regierungsviertel. Wieder nur fünf Minuten später. »Ein, zwei dunkle Limousinen fahren vorbei, bringen vermutlich den ein oder anderen Politiker«, meint der Fotograf. »Und wie sieht es am Hauptbahnhof aus?« - »Kein Mensch …«, lautet die Echtzeitanalyse. »Wobei, eine Handvoll Polizisten patrouillieren.« Zum Beweis schickt er ein paar Schnapsschüsse mit dem Handy durch.

»Kein Mensch …«, lautet die Echtzeitanalyse. »Wobei, eine Handvoll Polizisten patrouillieren.«

Zeit, die Dinge ein bisschen weiter zu treiben. »Stellt den Bentley mal an ein, zwei prominente Spots und fangt zu fotografieren an. Wir warten mal ab, was passiert.« Erster Stopp, nähe Lustgarten, gleich ums Eck ist die private Wohnadresse von Angela Merkel. Permanente Polizeiwache davor. Ein spontanes Bentley-Shooting stört hier aber niemanden. Nach 15 Minuten geht es weiter. Rückseite Alexanderplatz, eine Nebenstraße. Wieder patrouillieren zwei Beamte. Der Fahrer parkt direkt vor ihnen. Via Telefon hören wir mit. Die Polizeibeamten sind neugierig, vor allem interessiert sie der Bentley und wie viel er kostet. Dass wir hier fotografieren wollen, stört auch sie nicht im Geringsten.

In der Zwischenzeit haben wir noch einen anderen spontanen Einfall. Ein rascher Anruf bei Schriftsteller und ramp-Kolumnist Wladimir Kaminer. »Wladimir, was machst du gerade?« - »Na, ich bin zuhause. Wo soll ich denn sein?« Alle Lesungen und Fernsehproduktionen seien bis auf weiteres gestoppt oder gar abgesagt, erzählt er. Vielleicht ergäbe sich etwas in Österreich, in zwei Wochen. »Hättest du Lust uns einen Exklusiv-Fahrbericht aus Berlin zu liefern? Mit einem Bentley-Cabrio?«, fragen wir gerade heraus. Und ob er Lust hat. »Klar, kommt vorbei.« Eine halbe Stunde später stehen Fotograf und Fahrer bei Wladimir Kaminer vor der Türe.

»Wo wollen wir hinfahren?«, fragt er noch. »Wohin du willst. Du Straßen sind frei.« Kaminer überlegt kurz. »Wir haben noch nie ein Auto vor das Brandenburger Tor gestellt. Ob das heute klappt?«

In zahlreichen ramp-Supersupersupertests sind wir mit ihm schon in diversen und sehr teuren Sportwagen durch Berlin gefahren. Stets ist das mit viel Aufmerksamkeit verbunden. Von unserer Seite für alle anderen Verkehrsteilnehmer – insbesondere für die berüchtigten Berliner Fahrradfahrer – und natürlich auch seitens allen Anderen für uns. Aber wie ist es diesmal? Wir schicken Wladimir Kaminer im Bentley Cabriolet los, als unseren Investigativ-Schriftsteller-Kolumnist-Reporter sozusagen. »Wo wollen wir hinfahren?«, fragt er noch. »Wohin du willst. Die Straßen sind frei.« Kaminer überlegt kurz. »Wir haben noch nie ein Auto vor das Brandenburger Tor gestellt. Ob das heute klappt?«

Es hat geklappt. Soviel sei verraten. Die ganze von Wladimir Kaminer geschriebene Geschichte, in der plötzlich jemand Stühle vor das Brandenburger Tor stellt und Plakate auf dem Rasen vor dem Reichstaggebäude auslegt, lest ihr dann in der kommenden ramp #50 ab dem 09.Juli 2020.


Bentley Continental GT V8 Cabriolet

Motor: V8-Biturbo
Hubraum: 3.996 ccm
Leistung: 404 kW / 550 PS
Max. Drehmoment: 770 Nm @ 2.000 - 4.000 U/min.
Beschleunigung: 0 bis 100 km/h in 4,0 s
Vmax: 318 km/h


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