Blue Monday: Ein Gespräch mit Melancholie-Experte László F. Földényi

Passend zum angeblich traurigsten Tag des Jahres sprachen wir mit dem ungarischen Autor und Intellektuellen László F. Földényi – er ist Fachmann für Melancholie. Und findet, dass wir alle viel öfter in diesen Zustand eintauchen sollten. Unter anderem, weil es so herrlich unmodern ist.
Text Michael Köckritz
Bild Presse

Weil es heute für alles eine Erklärung geben muss, wirkt der Melancholiker wie aus der Zeit gefallen. Das sagt der ungarische Autor László Földényi, der in seinem Essayband »Lob der Melancholie« versucht, zum Wesen dieser geheimnisvollen Stimmung vorzudringen. Dabei durchstreift er Malerei, Film, Architektur und Literatur und entdeckt sogar überraschende Parallelen zwischen Albrecht Dürer und Stanley Kubrick.

Herr Földényi, Sie haben schon mal ein Buch über die Melancholie geschrieben, warum ist das so ein Lebensthema für Sie?
In meinem ersten Buch, das vor über dreißig Jahren erschien, verfolgte ich die unterschiedlichen Deutungen der Melancholie in unserer abendländischen Kultur. Ich war fasziniert, wie gegensätzlich dieses Wort quer durch alle Epochen definiert wurde. Obwohl Melancholie immer anders aufgefasst wurde, blieb der Begriff jedoch immer der gleiche. Also musste hinter all den unterschiedlichen Deutungen ein gemeinsamer Nenner stecken. Den versuche ich in meinem aktuellen Buch zu finden. Da geht es weniger um historische Fakten als vielmehr um die Frage: Was bedeutet Melancholie für mich?

Und wie lautet Ihre Antwort?
Tatsächlich fällt es mir schwer, darauf zu antworten. Melancholie ist eine Verweigerung, sich mit der gegebenen Struktur abzufinden. Melancholiker, egal ob im alten Griechenland, im Mittelalter oder heute, kehren der vertrauten Welt den Rücken zu. Sie versuchen zu ergründen, ob es nicht noch mehr gibt als die alltäglichen Dinge, die uns umgeben. Dabei legen sie die unsichtbaren Aspekte unserer Zivilisation und Kultur frei – und auch die dunklen Seiten.

»Zweitausend Jahre lang war Melancholie für sehr viele Menschen die Quelle der Kreativität. Angefangen von Aristoteles bis hin zu den Romantikern: Ohne Melancholie gibt es keine richtige Kreativität, da waren sich alle einig.«

László F. Földényi

Ihr erstes Buch endet mit der Aussage, Melancholie sei nicht eindeutig definierbar. Und das zweite Buch zu dem Thema trägt den Untertitel »Rätselhafte Botschaften«. Melancholie scheint für Sie auch nach dreißig Jahren immer noch nicht richtig greifbar zu sein …?
Zum Wesen der Melancholie gehört für mich, dass sie nicht eindeutig bestimmt werden kann. Daher liegt immer etwas Geheimnisvolles in der Melancholie. Bei Wörtern wie Niedergeschlagenheit, Trauer oder Freude weiß jeder sofort, um welches Gefühl es geht. Aber bei dem Begriff Melancholie ist es nicht so einfach. Was genau ist Melancholie? Das kann niemand sagen. Es gibt ein schönes Zitat von St. Augustinus zum Thema Zeit. Er sagte: »Wenn keiner mich fragt, dann weiß ich, was die Zeit ist. Wenn man mich fragt, dann habe ich keine Ahnung davon.« So ähnlich verhält es sich mit Melancholie.

Glauben Sie, dass Menschen aus dem Zustand der Traurigkeit heraus besonders kreativ sein können?
Zweitausend Jahre lang war Melancholie für sehr viele Menschen die Quelle der Kreativität. Angefangen von Aristoteles bis hin zu den Romantikern: Ohne Melancholie gibt es keine richtige Kreativität, da waren sich alle einig. Schon Aristoteles war der Meinung, dass alle großen Dichter, Politiker oder Kriegsführer auch Melancholiker waren. Erst später, im 19. Jahrhundert, wurde Melancholie zu einem bittersüßen und ein bisschen kitschigen Phänomen. Dabei ist dieser Zustand nicht einfach mit Traurigkeit oder Schwermut gleichzusetzen: Melancholie bedeutet auch eine exzessive Freude, so wie John Keats es einst in einem Gedicht beschrieb. Freude und Melancholie sind eng verbunden, ganz so wie Zwillinge.

Sie sprachen davon, dass Melancholie Distanz zur Welt schafft. Ähnlich verhält es sich mit Humor …
Das stimmt. Charles Baudelaire hat eine Studie über Humor geschrieben, für ihn war Lachen ein zutiefst melancholisches Anliegen. Auch Thomas Mann verdankt seine Ironie seiner Melancholie.

Kann jeder Mensch bewusst Melancholie in sich wecken?
Ich bezweifle das. Melancholie überfällt einen, man wird (…)

→ Filme, Lieder oder Bücher, die helfen können, ein Gefühl für Melancholie zu entwickeln verrät uns László F. Földényi in rampstyle #27 - und zeigt auch eine Trennlinie zwischen Melancholie und Depression. Das gesamte Interview mit László F. Földényi lesen Sie in rampstyle #27 »By the Way«.


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