Chris Noltekuhlmann: Reduktion aufs Ikonische

Fotograf, Regisseur, aber vor allem ein visuelles Ausnahmetaltent: Chris Noltekuhlmann gilt als einer der gefragtesten deutschen Kreativen im Automobilsektor. Wobei er noch viel mehr ist als Fotograf und Filmer mit minimalistischer Ästhetik. Zum Beispiel Star-Wars-Fan. Und dann denkt er noch darüber nach, sein eigenes Auto abzuschaffen. Echt jetzt? Da müssen wir mal etwas genauer nachfagen.
Text Marko Knab
Bild Chris Noltekuhlmann

Satte Farben, jedes Bild eine ganz eigene Story und das Gefühl, gerade selbst in einem Kinofilm zu sein – so geht es uns, wenn wir deine Aufnahmen sehen. Wie würdest Du deinen eigenen Stil beschreiben, Chris?
Mich freut sehr, dass es euch so geht, genau das versuche ich in meinen Bildern rüberzubringen. Ich versuche immer einen cineastischen Look in meine Bildsprache zu legen und ein bestimmtes Gefühl zu vermitteln. Dabei verstehe ich meine Bilder als Reduktion auf etwas Ikonisches. Mein Ziel ist es, Szenen einzufangen, die einen zeitlosen Kern haben – obwohl meine Motive häufig kontemporäre Trends aufgreifen.

Dabei hast Du zwei Hauptmotive: Menschen und Fahrzeuge. Wie kam es dazu?
Ich bin in im kleinen Dorf in der Region Ostwestfalen-Lippe aufgewachsen. Mein Vater arbeitete tagsüber in einer Fabrik. Die Abende verbrachte er in seiner Hobby Autowerkstadt bei uns zu Hause. Da haben wir oft zusammen getüftelt. Ob Bremsenwechseln, Getriebeaustausch oder Ausflüge zu den Schrottplätzen in der Umgebung um Ersatzteile zu besorgen – wir hatten immer etwas zu „Schrauben“. Die ausgeschlachteten Autos, die bei uns auf dem Hof standen, wurden für mich und meine Freunde zum Spielplatz. Ich habe schon immer auf die eine oder andere Weise dokumentiert, was um mich herum geschah. Angefangen habe ich als Teenager, der Fotos und Filme mit Punkrock-Bands in kleinen Jugendzentren oder auf dem Skaterplatz macht. Ich war ich immer an allem Andersartigen und den Subkulturen interessiert. Die Kamera war da die Eintrittskarte um bei allem mit dabei zu sein und ist es noch heute.

»Ich versuche immer einen cineastische Look in meine Bildsprache zu legen und ein bestimmtes Gefühl zu vermitteln. Dabei verstehe ich meine Bilder als Reduktion auf etwas Ikonisches. Mein Ziel ist es, Szenen einzufangen, die einen zeitlosen Kern haben – obwohl meine Motive häufig kontemporäre Trends aufgreifen.«

Chris Noltekuhlmann

Deine Autofotografie gibt es dabei auch nie ohne Menschen. Was fasziniert Dich so an dieser Kombination?
Mit 15 erlebte ich als Austauschschüler ein Jahr auf einer amerikanischen Highschool. Dort lernte ich die Werke von Mary Ellen Mark und die poetisch-dokumentarischen Fotografie von Robert Frank kennen. Ich war ein Dorfkind, dass nun durch seinen Fotografie-Lehrer Mister Thayer begriff, dass es mehr als Passfotos gibt. Der Schritt in die Werbung war dabei eine organische Weiterentwicklung. Durch meinen Bezug zu Fahrzeugen wurde mir schnell bewusst: Ein Auto ist ein sehr großes Produkt, das gibt dem Fotografen viel Darstellungsfreiheit. Man kann einen Menschen beispielsweise ins Auto hineinsetzten, ihn auf dem Dach posieren lassen oder es im Hintergrund vorbeifahren lassen. Ein kleines Objekt wie eine Uhr schränkt in der Inszenierung viel mehr ein und ermöglicht weniger kreative Freiheiten.

Was ist Dir bei deinen Bildern besonders wichtig?
Nur wenn alles – Vorbereitung, Cast, Licht, Styling und vor allem der Flow am Set mit den Protagonisten, aber auch der Crew – zusammen passt, dann macht man ein gutes Bild.

»Ich war ein Dorfkind, dass nun durch seinen Fotografie-Lehrer Mister Thayer begriff, dass es mehr als Passfotos gibt. Der Schritt in die Werbung war dabei eine organische Weiterentwicklung.«

Chris Noltekuhlmann

Unterscheidet sich die Arbeit im Film für Dich sehr von der Arbeit als Fotograf?
Als Fotograf gehe ich wie ein Regisseur vor, der eine Geschichte erzählen will. Deshalb lege ich viel Wert auf das Casting und das Charisma der Models und Darsteller. Ich möchte das die Menschen vor der Kamera die Stimmung des Fotos verstehen und im besten Fall ihren eigene Charakter einbringen. Fotografieren ist für mich sehr intuitiv: Als Fotograf kannst du alleine mit der Kamera um den Hals losziehen und in einem glücklichen Augenblick das beste Foto deiner Karriere machen. Ein Filmdreh funktioniert anders als ein Fotoshooting. Hier arbeite ich teilweise mit 120 Crewmitgliedern: Beleuchter, Kameramann, Grip, Ton, Sounddesign – es ist sehr aufwendig, alle Bestandteile eines Films von der Planung bis zum finalen Schnitt zu koordinieren. Ich versuche bei meinen Filmprojekten das Team sehr präzise aufzustellen. Paradoxerweise ermöglicht nur diese Perfektion möglichst viel Flexibilität am Set zu haben.

Bei meinen eigenen Filmprojekten versuche ich oft auf ein kleines flexibles Team zu setzten, um näher an die Protagonisten heranzukommen. So konnte ich zum Beispiel die Geschichte des Vietnamesen Nguyen Van Chuc einfangen: Er lebt unter den Brücken am Fluss Saigon. Angetrieben von einem kleinen Außenbordmotor fährt er jeden Tag hinaus auf den Fluss. Seine Mission: Er fischt die Leichen von Selbstmördern aus dem Wasser, damit sie ein religiöses Begräbnis erhalten. Mit Filmen kann man eine intensivere Emotionalität einfangen und übermitteln als mit der Fotografie.

Eine Produktion, die Du nie vergessen wirst? Und warum?
Zur Markteinführung des neuen Volkswagen I.D. Buzz fotografierte ich Hollywood-Schauspieler Ewan McGregor bei sich zu Hause in Malibu. Zusammen mit seiner Volkswagen-Autosammlung. Als Star-Wars-Fan ein totales Highlight Obi Wan Kenobi zu fotografieren.

Obwohl du einer der gefragtesten Auto-Fotografen in Deutschland bist, zeigen deine Bilder und Filme auch gleichermaßen automobile Klassiker und hochmoderne Fahrzeuge. Wie kommt es, dass Du das so gerne mischst?
Als Sohn eines Auto-Nerds verstehe ich, wie Autos funktionieren und interessiere mich nicht nur für ihre Ästhetik. Aus fotografischer Perspektive ist eine ikonische Optik jedoch hilfreich: Aktuelle Kampagnenbilder von Autos haben eine gewisse Halbwertszeit. Sobald das neue Modell raus ist, kann man die Sachen eigentlich nicht mehr zeigen. Fotografien mit einem Designklassiker wie dem Lamborghini Countach, einer echten Ikone der Automobilgeschichte, kann ich wahrscheinlich noch in 15 Jahren auf meiner Seite zeigen. Wenn das Design des Fahrzeugs die Zeit überdauert, tut es auch das Bild, auf dem es zu sehen ist.

Was war eigentlich zuerst da: Das Filmen oder das Fotografieren?
Das kam beides recht parallel. MTV war für mich in meiner Teeangerzeit in der Provinz das Fenster zur Welt. Ich habe schon früh Musikvideos für Freunde gedreht, die in Bands spielten. Film und Skatekultur sind eng miteinander verbunden.

Dein persönliches Traumauto? Und vor allem: warum gerade das?
Trotz meiner Leidenschaft für Autos stelle ich das Konzept, ein Auto in einer Stadt wie Berlin zu besitzen, für mich persönlich immer mehr in Frage. Ich wohne in einer Stadt wie Berlin, in der man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln häufig schneller ist. Zudem bin ich beruflich sehr viel im Ausland unterwegs, das eigene Auto steht da viel zu häufig in der Garage. Aktuell interessiere ich mich für den Ansatz von Autofirmen wie Lynk&Co: Ihrer Vision gemäß kann man damit unkompliziert sein eigenes Fahrzeug in ein Carsharing System einspeisen und anderen zugänglich machen.

Und wenn wir schon beim persönlichen Geschmack sind: Was ist ganz typisch für dich?
Neugier. Ich versuche, immer up to date zu sein. Ganz konkret heißt das: Wenn Supreme mit Louis Vuitton oder Gucci mit The North Face kollaboriert, weiß ich sofort davon.

Wann hast Du das letzte Mal etwas zum ersten Mal getan?
Ich habe vor Kurzem einen zum ersten Mal einen Ferrari fotografiert – und bin ihn anschließend auch gefahren.

Dein aktuelles Handyhintergrundbild?
Der Gletscher Cotopaxi in Ecuador. Ein Foto, das während eines Projekts entstand, dass mich 40 Tage mit einem Kunden durch Südamerika geführt hat. Eine irre Erfahrung!

Last but not least: Ein Ratschlag, den du angehenden jungen Fotografen geben kannst?
Ich denke, es ist wichtig für sich selbst zu wissen, was den eigenen Geschmack ausmacht und welche Fotos man machen möchte. Das hat viel mit Ausprobieren und Testen zu tun. Man sollte so viel wie möglich fotografieren, um seine eigene Stimme zu finden.


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