Christoph Waltz: »Das Böse ist eine Nische«

Heute startet der lang erwartete Bond Film »Keine Zeit zu sterben«. Jeder spricht natürlich über den Helden, diesen James Bond. Aber was wäre ein Held ohne Gegenspieler? Nichts. Meinte zumindest Christoph Waltz im Gespräch mit rampstyle – und zwar lange bevor er dem Bond-Bösewicht Ernst Stavro Blofeld zum zweiten Mal seinen ganz persönlichen Schurken-Stempel aufdrückte.
Text Helmut Werb
Bild Jeff Lipsky

Am 7. März 2010 traten sich in den Fernsehstudios von München bis Babelsberg deutsche Produzenten und Regisseure gegenseitig in den Hintern. Der Grund: Jahrelang stand eines der größten Talente des europäischen Films vor ihren Kameras – und anstatt Christoph Waltz die Traumrollen anzubieten, die ihm aufgrund seines Talents zustanden, hatten sie den Österreicher mit TV-Serien wie »Kommissar Rex« und Nebenrollen abgespeist. Und jetzt? Gewann Christoph Waltz einen Oscar für seine Rolle des SS-Standartenführers Hans Landa in Quentin Tarantinos »Inglourious Basterds«.

»Es gab Augenblicke in meiner Karriere«, sagt Christoph Waltz, »da war ich am Scheideweg.« Mehr als zwanzig Jahre sind seit dem Deutschen Schäferhund vergangen, wir befinden uns in einem luxuriösen Hotelzimmer im kalifornischen Santa Monica.

In der Zwischenzeit? Spielte er den Erzbösewicht Oberhauser alias Ernst Stavro Blofeld in James Bonds »Spectre«. Roman Polanski besetzte ihn im Psycho-Drama »Der Gott des Gemetzels« und in »Water for Elephants« gab er den zynischen Schurken. In seinem neuesten Film kehrt er zurück ins Bond Universum und mimt nochmal den bösen Bond’schen Stiefbruder. Eine gute Gelegenheit, wieder mit ihm über das Böse zu philosophieren. Und natürlich seinen schauspielerischen Werdegang, der alles andere als gewöhnlich ist.

Hat man Angst, als deutschsprachiger Schauspieler als ewiger »Baddie« abgestempelt zu werden? Ein Journalist nannte ihn einmal den furchteinflößendsten Mann in Hollywood. »Das ist mir ehrlich gesagt wurscht«, winkt er ab. »Da fragt man sich, wer das gesagt hat.« Ein Londoner Journalist. Waltz zuckt nonchalant mit den Schultern. Who cares? »Der Böse ist leider eine Nische, weil es die interessantesten Rollen sind«, fügt er hinzu. »Der Held ist ja nix wert, wenn er keinen Antagonisten hat, der ihm zum Heldentum Anlass gibt. Diese Rollen verlieren in zunehmendem Maße ihre Faszination, weil sie sich der Marktwirtschaft in einer Weise unterwerfen, die dem Drama, nach dem wir als Zuschauer eigentlich dürsten, nicht nachkommt.«

Der Wiener Waltz ist witzig und charmant und zuvorkommend und intelligent und ausgezeichnet gekleidet. Die Art, wie er redet, hätte man früher als wohlbedacht bezeichnet – und er hat sie sich im Image-süchtigen Filmgeschäft zum Markenzeichen gemacht: Die lange Betonung einer einzigen Silbe, die Pause, die er als Waffe benützt, wenn er den Bösen spielt. Seine Augen funkeln und man fragt sich, ob dieses Lächeln das eines Haifischs ist, kurz bevor er sein Opfer verschlingt. Und ob der Hai auch Maßschuhe ohne Socken trägt.

»Der Böse ist leider eine Nische, weil es die interessantesten Rollen sind. Der Held ist ja nix wert, wenn er keinen Antagonisten hat.«

Christoph Waltz

Fragen zu seinem Privatleben ignoriert der Vater von vier Kindern. Es gibt Punkte, die er einfach kommentarlos abklemmt. Er lässt raus, dass er sein Leben von Berlin und London nun in die – mehr standesgemäß gewordenen – Hügel über Malibu verlegt hat. Ja, sagt er, das Leben hätte sich verändert, durchaus zum Guten. Das Leben als erfolgreicher Filmstar habe ja auch seine guten Seiten. Unter anderem, dass man sich die besseren Geschichten aussuchen könne. Er war eigentlich immer beschäftigt, konnte so seinen Lebensunterhalt verdienen und war dadurch privilegiert in diesem Beruf. »Stimmt!« Aber der große Durchbruch kam spät, »sehr!« Wie motiviert man sich, wenn man in der Blüte seiner Jahre steht, wie es so schön heißt – und wenn die Rollen nicht so toll sind, aber die Miete bezahlt werden muss?

»Das unterscheidet die Echten von den Falschen« sagt er, erklärt die Floskel aber im Nachhaken. »Wenn’s mir nur um den Erfolg geht, dem Fremdbestimmten, dann ist es sicher klug, nach einer gewissen Zeit des Misserfolgs, besser des sich nicht einstellenden Erfolgs, die Segel zu streichen und was anderes zu machen. In der Schauspielerei, die ja nicht so leicht festzulegen ist, sondern viel mit Moment und Perspektive zu tun hat, erreicht man erst nach langer Erfahrung ein Niveau, auf dem die Sache möglich wird, das Handwerk im besten Sinne des Wortes. Eine solche Erfahrung bringt dich zu einem Punkt, der dir am Anfang noch gar nicht vorschweben mag, der dich fokussiert.«


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