Die Schönheit des Moments: Chronext-Gründer Philipp Man im Gespräch

Heute ist weltweit der sogenannte »Autofreie Tag«. Die perfekte Zeit, um über Uhren zu sprechen. Mit einem echten Kenner: Philipp Man. Im Februar 2013 kam er mit einem Freund auf die Idee, einen Online-Marktplatz für Luxusuhren zu gründen. Der Name: Chronext. Der Plan war, teure Uhren so einfach und sicher zu handeln wie Aktien. Hat er geschafft. Jetzt arbeitet er daran, mehr im Jetzt zu leben. Das aber gestaltet sich deutlich schwieriger, wie er uns unter anderem erzählte.
Text Michael Köckritz
Bild Chronext

Herr Man, wie fing die Geschichte mit Chronext an?
Ich war schon immer Uhren-begeistert. Dazu kommt, dass ich früher sehr viel Hip-Hop gehört habe, und in den Texten kamen ständig verschiedene Uhrenmarken vor, das hat mich getriggert. Und während des Studiums haben mein Mitgründer und ich Geschäftsmodelle gebrainstormt. Wir überlegten, dass es keinen Weg gibt, Luxusuhren sicher, bequem und liquide zu handeln. Die meisten Menschen rationalisieren einen Uhrenkauf in irgendeiner Form als Investment. Wir sagten uns damals, dass man keine Investments machen kann, wenn es keine Börse gibt – so entstand die Idee zu Chronext.

Aber war das Ihr Berufswunsch?
Ich wollte eigentlich Rohstoffhändler werden, hatte auch schon einen Arbeitsvertrag unterschrieben – und dann an meinem ersten Arbeitstag gekündigt, um mit Ludwig Wurlitzer Chronext zu gründen. Das passierte am 23. Februar 2013.

Für diejenigen, die das Unternehmen nicht kennen: Können Sie noch einmal sagen, was Chronext genau ist?
Wir sind ein transaktioneller Marktplatz für Luxusuhren – und nennen es ein hybrides Modell, weil wir nicht nur einen eigenen Bestand haben, sondern auch einen für Marken, Händler und Hersteller. Wir bieten online und offline neue und gebrauchte Luxusuhren an.

»Ich wollte eigentlich Rohstoffhändler werden, hatte auch schon einen Arbeitsvertrag unterschrieben – und dann an meinem ersten Arbeitstag gekündigt, um mit Ludwig Wurlitzer Chronext zu gründen. Das passierte am 23. Februar 2013«

Philipp Man

Wussten Sie sofort, dass es gut laufen wird?
Sagen wir so: Skeptisch waren wir nicht. Allerdings waren wir sehr grün hinter den Ohren und nahmen jeden Fehler mit, den man mitnehmen konnte. Die ersten anderthalb Jahre lief es auch nicht gut, wir verkauften monatelang keine einzige Uhr. Dann nahm das Geschäft Fahrt auf, 2014 bekamen wir das erste externe Investment. Heute haben wir deutlich über hundert Millionen Euro Umsatz, und die Firma ist in Europa der größte transaktionelle Online-Marktplatz für Luxusuhren.

Sie waren damals auch ein Vorreiter.
Absolut. Das Witzige ist: 2013 erscheint nicht so lange her, aber es war eine ganz andere Welt, und die Idee, etwas Teures online zu kaufen, erschien damals total abstrus. Es gab auch keine spezifischen Marktplätze wie zum Beispiel für Collecting Cars im Automobilbereich, so etwas entstand erst in den letzten vier, fünf Jahren. Vielleicht waren auch deswegen die ersten anderthalb Jahre etwas schwieriger, weil wir einen Tick zu früh waren.

»2013 erscheint nicht so lange her, aber es war eine ganz andere Welt, und die Idee, etwas Teures online zu kaufen, erschien damals total abstrus.«

Philipp Man

Was war der größte Fehler, den Sie gemacht haben?
Es waren so viele, dass man damit einen 18-stündigen Podcast füllen könnte. Aber ein Fehler, der uns immer wieder unterlief und der uns sicherlich noch ab und an passiert, hängt mit der Frage zusammen, wen man in sein Team holt. Der Unterschied zwischen einer Person, die hervorragend ist, und einer, die nur gut ist, ist halt – übertrieben formuliert – Faktor zehn Millionen. Letzten Endes ist es das Allerwichtigste, mit welchen Menschen man sich umgibt. Idealerweise sind diese Menschen deutlich talentierter und intelligenter als man selbst.

Das heißt, Sie führen persönlich die Gespräche?
Es ist so, dass bis heute jede Person, die bei uns fest angestellt wird, von einem der Geschäftsführer oder Vorstände interviewt wird. Nicht unbedingt, weil wir fachlich einschätzen können, ob jemand gut oder schlecht ist, sondern primär, um ein Gefühl zu bekommen, was diesen Menschen antreibt und ob er oder sie kulturell passt. Das sollte auf jeden Fall Chefsache sein.

»Letzten Endes ist es das Allerwichtigste, mit welchen Menschen man sich umgibt. Idealerweise sind diese Menschen deutlich talentierter und intelligenter als man selbst.«

Philipp Man

Können Sie sich an Ihre erste wertvolle Uhr erinnern?
Da gibt es zwei: Die eine wäre die Admiral’s Cup von Corum, die bekam ich mit 13. Man könnte meinen, dass ich damals einen Fehler gemacht habe, weil man für das gleiche Budget auch eine Rolex Pepsi hätte kaufen können und ich mit Segeln nichts am Hut habe. Aber die kickte mich damals. Die zweite Uhr, die ich mir selbst kaufte, war dann eine GMT Master 2. Für mich nach wie vor eine der schönsten Uhren, weil sie so zeitlos modern ist. Wobei sie mittlerweile im Vergleich zu aktuellen Modellen eine Vintage-Anmutung hat, weil sie trotz ihrer vierzig Millimeter sehr filigran wirkt. Ich besitze auch beide Modelle noch.

Wie oft blicken Sie am Tag auf Ihre Uhr?
Ich habe mal versucht, das zu quantifizieren. Ich schaue tatsächlich pro Tag fünfzig Mal auf meine Uhr, wobei ich wahrscheinlich 45 Mal nicht die Zeit ablese – dazu dient mir offen gestanden mein Handy. Aber ich habe einen gewissen Tick, wenn auch nicht bei allen Uhren: Ich schaue, ob neue Kratzer dazugekommen sind.

»Ich schaue tatsächlich pro Tag fünfzig Mal auf meine Uhr, wobei ich wahrscheinlich 45 Mal nicht die Zeit ablese – dazu dient mir offen gestanden mein Handy.«

Philipp Man

Okay, das ist speziell. Aber davon abgesehen: Warum sind Menschen von Uhren fasziniert?
Ich glaube, es ist eine Kombination von Faktoren. Der erste ist der Unterschied zwischen Mann und Frau, das heißt, eine Frau hat viele Möglichkeiten, Schmuck zu tragen, für den Mann ist die Uhr das einzige Schmuckstück. Wobei ich feststelle, dass Uhren keine rein männliche Domäne mehr sind, das verändert sich gerade, was ich sehr cool finde.

Damit wären wir beim zweiten Faktor, dem Punkt, dass Menschen generell von Uhren fasziniert sind, weil sie uns die Illusion geben, eine Form von Kontrolle über die Zeit zu haben, indem wir sie messen. Was natürlich Quatsch ist.

Ein dritter Aspekt ist der, dass eine Uhr etwas Bleibendes darstellt. Wir werden alle irgendwann sterben, und der Gedanke, eine Uhr zu vererben, ist in unserer Gesellschaft sehr prägnant. Das heißt, eine Uhr ist ein bleibendes Schmuckstück, das uns auch an unsere Endlichkeit erinnert. Zudem wird es zunehmend als Investmentprodukt gehandelt. Damit ist die Uhr, obwohl man sie nicht braucht, wahrscheinlich aktueller denn je. Und wahrscheinlich wird die Bedeutung des Themas in den nächsten zehn Jahren nochmals signifikant steigen.

Wie gehen Sie persönlich mit der Zeit um?
Ich versuche, meine Zeit im Alltag und in meiner Freizeit sehr bewusst zu managen. Was aber paradox ist, weil die Frage eher lauten sollte, wie ich die Zeit wahrnehme. Zum Beispiel gerade jetzt vergangenes Wochenende: Meine Freundin und ich hatten für den Samstag das erste Mal seit Langem keine Reservierung im Restaurant. Es klingt affig, aber ich hatte die Sorge, dass ich meine Zeit nicht effektiv nutze und es schade wäre, diesen Abend in einem schlechten Restaurant zu verbringen. Es wurde ein schöner Abend, wir hatten Glück. Ich glaube, dass ich oft durch dieses Überplanen und Überstrukturieren weniger im Moment bin. Ich bin mit dem Kopf in der Zukunft. Das relativiert die Schönheit des Moments.

Wie wichtig ist Vergangenheit für uns?
Ich glaube prinzipiell, dass Geschichte wichtig ist, weil sie uns zeigt, dass es einen Grund gibt, warum gewisse Dinge so sind, wie sie sind. Und leider wiederholt sich Geschichte immer wieder. Ursprünglich wollte ich übrigens Geschichte studieren, traute mich aber nicht, weil ich dachte, dass ich damit keinen Job bekomme. Ich entschied mich dann leider für BWL. Aber vielleicht irgendwann, wenn ich ein alter Mann bin, mache ich noch einen Doktor in Geschichte.

Geschichte liefert aber auch Erfahrungen. Was hat Sie in Ihrer Kindheit geprägt?
Mein Vater ist Unternehmer und hat (…)

→ Was Philipp Man prägte, warum Zeit für ihn der größte Luxus ist und welche Uhr er selbst gerne trägt - all das erfahren Sie im exklusiven Interview in rampstyle #26, bei dem Michael Köckritz und er auch das Phänomen Rolex näher betrachten.

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