Die Visualisierung der Realität

Die Interaktion zwischen Mensch und Maschine neu zu denken – das ist das Ziel von Osman Dumbuya, CEO der Firma Incari. Im Gespräch hält der Berliner Gründer fest, dass wir uns als Gesellschaft wieder mehr trauen müssen, spricht über die Zukunft der automobilen Inneneinrichtung und erzählt uns auch, welch große Rolle die Beharrlichkeit auf seinem Weg spielte.
Text Michael Köckritz
Bild Matthias Mederer

Herr Dumbuya, wie kommt man dazu, eine Firma zu gründen, die sich auf Mensch-Maschine-Schnittstellen spezialisiert?
Ich habe Informatik studiert, wobei mein Ansinnen zunächst war, fantastische Welten zu erzeugen. Ich fand es als »Star Trek«-Fan immer faszinierend, wie dort Raumschiffe digital dargestellt wurden. Genau das wollte ich lernen.Mein Ziel nach dem Studium war dann eigentlich, in die Film- und Medienindustrie zu gehen und 3D-Artist zu werden. Ich habe aber festgestellt, dass es in Deutschland Unternehmen dieser Art nicht gibt und mich Richtung USA orientiert. Zu dem damaligen Zeitpunkt war es jedoch schwierig, aus Deutschland kommend in den USA für solche Projekte berücksichtigt zu werden.

Aus Zufall ergab es sich dann, dass ich in Abu Dhabi Architekturvisualisierung machen konnte. Nach einem Jahr entschied ich mich, zurück nach Deutschland zu kommen, da ich doch sehr in Berlin verwurzelt bin. Bevor ich mich schließlich in die Selbstständigkeit begab, sah ich mich nach einem Job um, hatte aus London tatsächlich das Angebot, bei Framestore an »Harry Potter« zu arbeiten, ging aber nach München zu der Firma RTT (Anm. d. Red.: ein Software-Anbieter für industrielle 3D-Verbildlichungen).



Osman Dumbuya wurde 1977 in Sierra Leone geboren und kam mit fünf Jahren nach Deutschland. Er studierte in Berlin Informatik und gründete kurz danach seine erste Firma, ein Software-Unternehmen für Virtual Prototyping. 2011 folgte die Gründung von CGI Studio, aus dem 2021 Incari hervorging. Incari ist auf die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine (HMI) spezialisiert, derzeit liegt der Schwerpunkt in der Automobilindustrie, Bedarf sieht der Gründer aber 
auch im Gesundheitssektor oder im Bereich Aerospace. Im Juni dieses Jahres konnte er den Gründer und Unternehmer Lukasz Gadowski überzeugen, rund 15 Millionen Euro in Incari zu investieren.





Sie haben danach mehrere Unternehmen gegründet, also waren es nicht nur Bildwelten, sondern auch das Gründen, was Sie faszinierte?
Es war tatsächlich sehr visuell getrieben. Bei RTT hat sich mein Verständnis von Darstellung in Richtung industrielle Produktion verändert. Das, was man in Hollywood sieht, muss ästhetisch überzeugen, eine Explosion beispielsweise muss den Zuschauer beeindrucken. In der industriellen Visualisierung geht es eher darum, Realitäten abzubilden. Das heißt, die Explosion soll so aussehen, wie sie sich unter bestimmten Konditionen real ereignen würde. Oder ein Scheinwerfer soll so aussehen, wie er mit einer bestimmten Leuchtkraft die Straße ausleuchten würde. Das fand ich extrem interessant und hat uns angetrieben, zielgerichtet an Entwicklungen zu arbeiten, die für andere Themen Mehrwerte generieren können. Das ist auch, glaube ich, das Anziehende an der Digitalisierung, dass sie Werkzeuge gibt, um andere Aufgabenbereiche effizient gestalten zu können.

»In Hollywood muss eine Explosion den Zuschauer beeindrucken. In der industriellen Visualisierung geht es eher darum, Realitäten abzubilden.«

Osman Dumbuya

Was ist die Idee hinter Ihrer Firma Incari?
Die Aufgabe, die wir uns gestellt haben, war im ersten Schritt, speziell für die Automobilindustrie eine Produktlösung anzubieten, die es ermöglicht, Inhalte, die man hinter dem Lenkrad oder in der Mittelkonsole sieht, effizient zu gestalten. Angestoßen wurde das dadurch, dass sich einige Kunden in der Automobilindustrie dachten, dass sich die Interface-Thematik, besonders wenn wir über semiautonome und autonome Autos sprechen, radikal verändern wird. Die Überlegung war, dass die Anforderungen an solche Systeme steigen, ein wichtiges Element der Innenästhetik werden oder sogar die Kaufentscheidung beeinflussen. Wenn man vergleicht, wie Leute mit Handys oder Computersystemen umgehen, muss das auch im Auto entsprechend adaptiert werden. Es musste leichter bedienbar und selbsterklärend sein. Und darum wollten wir eine Lösung entwickeln und anbieten. Und wenn ich noch eine Sache hinzufügen darf …

Bitte!
Mir ist es wichtig, dass wir uns als Gesellschaft wieder trauen sollten, größere Herausforderungen anzunehmen, um das Leben aller zu verbessern. Und mit unserer Softwarelösung wollen wir dazu einen Beitrag leisten.

»Mir ist es wichtig, dass wir uns als Gesellschaft wieder trauen sollten, größere Herausforderungen anzunehmen, um das Leben aller zu verbessern.«
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Osman Dumbuya

Aber um noch einmal einen Schritt zurückzugehen – das heißt, Sie haben die Lösung gefunden?
Ja, wobei das ein paar Jahre dauerte, so eine Software fällt nicht vom Himmel. Ab einem bestimmten Zeitpunkt hatte sie eine gewisse Reife, um in den Markt zu gehen, und unsere Kunden halfen uns dabei, die Kinderkrankheiten zu beheben. Heute haben wir ein Produkt, mit dem man sofort arbeiten und vernünftige Resultate erzielen kann.

Was ist der Vorteil für den Entwickler und den User?
Das fängt damit an, dass ein initialer Designer, der die Aufgabe hat, ein neues Interface zu machen, viel flexibler gestalten kann. Er kann mit einer Art Werkzeugkasten von uns Dynamiken, also Bewegungen, Effekte, Ein- und Ausblendungen, Funktionalität von Knöpfen und Buttons auf dem Bildschirm testen und gucken, was sie auslösen. Die nachfolgenden Abteilungen bauen auf seiner Arbeit auf, man spart sich doppelte und dreifache Arbeit. Das heißt, der Entwicklungsprozess bei einem Interface wird viel schneller. Und der Endverbraucher bekommt am Ende ein ausgereifteres Produkt, weil es häufiger durchdacht wurde.

»So eine Software fällt nicht vom Himmel. Ab einem bestimmten Zeitpunkt hatte sie eine gewisse Reife, um in den Markt zu gehen, und unsere Kunden halfen uns dabei, die Kinderkrankheiten zu beheben.«

Osman Dumbuya

Wie wichtig ist Beharrlichkeit, bevor man die ersten Ergebnisse sieht?
Wenn man Unternehmer wird und nicht beharrlich ist, sollte man gar nicht erst anfangen. Wobei ich erst Folgendes dazu sagen will: In der Regel ist es so, dass man eine Idee hat, die man selber für großartig hält und die man umsetzen möchte. Und wenn man es hinbekommt, zu formulieren, was man machen möchte, reagieren die meisten Leute eher reserviert. Das muss man versuchen zu verstehen und zu überwinden. Über Dinge, die für alle Leute ersichtlich sind, wird weder diskutiert noch im Nachhinein gesagt, dass damit niemand gerechnet hätte.

Wenn es selbstverständlich gewesen wäre, dass man Raketen baut, die landen und wieder starten können, wie Elon Musk das macht, hätten das schon viele Menschen vorher versucht. Aber als er damit begann, glaubte keiner daran. Und mit diesen Ressentiments haben Unternehmer und Innovatoren zu kämpfen. Man muss einfach wissen, dass man am Anfang der Einzige ist, der für die Idee brennt, und beharrlich bleiben. Im zweiten Schritt braucht man Expertise und im dritten Schritt muss man einschätzen können, ob man wirklich fähig ist, seine Arbeit umzusetzen. Mit diesen drei Punkten kann man sich an die Arbeit machen.

→ Das gesamte Interview mit Osman Dumbuya lesen sie in der rampstyle #23.


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