Fullerton vs Senna

Sie waren Rivalen, Freunde, Teamkollegen, Weltklassefahrer und manchmal auch Feinde. Ayrton Senna nannte einst Terry Fullerton den komplettesten Fahrer, gegen den er jemals gefahren sei. Wir haben Fullerton besucht. Und dafür kam nur ein Auto infrage.
Text Matthias Mederer
Bild Matthias Mederer · ramp.pictures

Mitten in England, in der Grafschaft Leicestershire, liegt die Stadt Melton Mowbray. Sie hat rund 26.000 Einwohner und ist für eine kulinarische Spezialität bekannt: den Melton Mowbray Pork Pie, ein Fleischkuchen. Dazu befindet sich hier eine Tierfutterfabrik der Mars Incorporated, in der das Katzenfutter Whiskas hergestellt wird. Genau in dieser Stadt, in einer ruhigen Wohnsiedlung am Rande, lebt Terry Fullerton.

Es sieht nach Regen aus an diesem tristen britischen Novembertag, als wir den roten McLaren Senna bei Fullerton vor dem Haus parken, direkt hinter einem grauen Audi A8, älteres Modell, es ist der Wagen von Terry Fullerton, auf der Uhr mehr als 200.000 Kilometer. Beim Nachbarn gegenüber parkt ein blauer Škoda Fabia. Der Senna wirkt wie ein pinkes Einhorn mit Flügeln unter lauter grauen Schafen. Aber so wirkt dieses Auto eigentlich immer – außer vielleicht auf einer Startbahn, neben einem goldenen Kampfjet. Terry Fullerton sieht uns durch das Fenster, winkt, und kurz darauf öffnet sich die Haustüre, aber nur einen kleinen Spalt. Fullerton lugt raus: »Kommt erst mal rein, damit sich meine beiden Kleinen an euch gewöhnen können. Das dauert so zehn Minuten.« Der Senna bleibt draußen. Begrüßt von aufgeregtem Bellen treten wir ein. Weißer Fliesenboden, geradeaus ein kleines Esszimmer mit angrenzender Küche rechts, hintenraus ein kleiner Garten. Links das Wohnzimmer. Drei Familienbilder auf dem Fenstersims, ein Drehsessel mit Kissen. »Die Aussichtsplattform für die Hunde«, sagt Fullerton, »von hier beobachten sie die Straße durch das Fenster.« So langsam schließen die beiden Hunde Frieden mit den neuen Gästen. Und so spannend scheinen wir dann auch wieder nicht zu sein. Ab auf die Plattform. Mal schauen, was sich draußen so tut. Immerhin steht da ein ungewöhnliches rotes Auto.

Es sieht nach Regen aus an diesem tristen britischen Novembertag, als wir den roten McLaren Senna bei Fullerton vor dem Haus parken, direkt hinter einem grauen Audi A8, älteres Modell, es ist der Wagen von Terry Fullerton, auf der Uhr mehr als 200.000 Kilometer.

Und dann ist plötzlich Ayrton Senna gegenwärtig. Auf einer kleinen Holzkommode steht ein Glaskasten, darin eine kleine Ausführung seines legendären gelben Helms, daneben ein paar Fotos von lange vergangenen Zeiten, viel Korn, schlechte Auflösung, wie es eben typisch war für die Fototechnik Ende der 1970er-Jahre. Die Bilder zeigen zwei Männer beim Gokartfahren. Vorne Terry Fullerton, dahinter Senna. Das Helmdesign ist eindeutig erkennbar. Zwei Porträtbilder zeigen zudem den jungen Terry Fullerton und den noch jüngeren Ayrton Senna, dünn, hungrig, mit entschlossenem Blick. »Ein Geschenk zu meinem Geburtstag«, erklärt Fullerton. Man merkt ihm an, dass er ein Racer war. Der tränenschwere, sentimentale Rückblick mit zittriger Stimme ist seine Sache nicht. Wie jeder Rennfahrer hat auch Fullerton verinnerlicht, die Dinge möglichst nüchtern zu analysieren und alles auszublenden. Niki Lauda brachte diese Disziplin zur Perfektion. Nur so können Rennfahrer nach einem schweren Crash oder gar einem tödlichen Unfall eines Kollegen wieder ins Cockpit steigen und auf Anhieb schnell fahren.

Fullerton nimmt uns mit nach oben, in sein kleines Büro. Seit einem Jahr leben er, seine Frau, seine 14 Jahre alte Tochter und natürlich die beiden Hunde in diesem Haus. Fullerton arbeitet heute nach wie vor im Rennsport, er coacht Talente im Kart. Mit zwölf Jahren setzte er sich zum ersten Mal in ein Gokart und begann seine Runden zu drehen. Das war Mitte der 1960er-Jahre. Und im Grunde hat Terry Fullerton die Kartbahn bis heute nicht verlassen. Demnächst geht es nach Las Vegas, zu einem Rennen.

Unten auf der Straße wartet der McLaren. Fullerton schaut aus dem Fenster. Er hat von dem Auto gehört. Natürlich. Gefahren aber ist er es noch nie. Überhaupt sei er noch nie einen McLaren gefahren. »Ferrari, Lamborghini, klar. Aber noch nie McLaren.« Als wir ihn kontaktierten und anfragten, ob wir mit einem Senna vorbeikommen dürften, war er sofort dabei. Und ganz Rennfahrer hat er sich informiert. »Einer meiner ehemaligen Fahrer ist mittlerweile Renn- und Entwicklungsfahrer bei McLaren. Er hat mir ein bisschen was erzählt, vor allem, was das Verhalten in schnellen Kurven angeht.« Dann lacht er. »Keine Sorge, so schnell werden wir nicht fahren.« Fullerton ist sehr gespannt auf den Senna. Er hat sich auf YouTube das Video von Jeremy Clarkson angeschaut. »Auch weil ich wissen wollte, ob ich überhaupt in das Auto passe. Denn wenn Clarkson reinpasst, sollte es für mich auch gehen«, sagt er und tätschelt dabei seinen Bauch. Also ab zum Senna.

Fullerton nähert sich dem Auto neugierig, kaum emotionale Regungen, eher fachmännisches Interesse. Er inspiziert ein paar aerodynamische Elemente, erkennt sofort Luftleitelemente, um den Geradeauslauf bei hohen Geschwindigkeiten zu verbessern. Ein Blick in den Innenraum. Dann krabbelt Fullerton in den Senna. Er ist zufrieden. »Passt perfekt. Die scheinen genau meinen Sitz erwischt zu haben.« Viel erklären braucht man ihm nicht. Die meisten Dinge kennt er. Nur die Türöffner und die Fensterheber findet er nicht. Was daran liegt, dass diese im McLaren Senna dort angebracht sind, wo man vermutlich als Letztes suchen würde: am Dachhimmel, in der Mitte. Dort ist auch der rote Startknopf. Wenn der V8-Turbomotor seine 800 Pferde zum Leben erweckt, ist das schon ein Spektakel. Ein eruptives Gewaltepos aber ist es nicht. Dennoch ist der Motor allgegenwärtig. Es ist sehr laut im Inneren. Zu jeder Zeit. Wir rollen los.

Viel erklären braucht man ihm nicht. Die meisten Dinge kennt er. Nur die Türöffner und die Fensterheber findet er nicht.

Als Terry Fullerton Ayrton Senna zum ersten Mal traf, war dieser gerade 17 Jahre alt, Fullerton 25. »Senna war sicher nicht als kompletter Fahrer geboren. Aber er wollte einer werden. Davon war er besessen. Er war ein ehrgeiziger junger Kerl. Schon schnell, aber er machte auch noch viele Fehler.« Spricht Fullerton über Senna, tut er dies immer aus der Position des Älteren, des erfahreneren Rennfahrers heraus. Die Vergötterung, die Senna später und dann vor allem auch nach seinem Tod durch Fans und Medien zuteil wurde, hört man bei Fullerton nicht. »Er wollte alles wissen, kam anfangs häufiger zu mir und hat mir Fragen gestellt, auch zu seinem Fahrstil und was mir an ihm aufgefallen ist. Dann sagte ich ihm, dass er beim Rausbeschleunigen aus den Kurven oft zu viel will, zu hart pusht und dadurch zu stark driftet.« Ein Fehler, den viele junge Fahrer machen. Was Senna aber auszeichnete, sei die Art, wie er damit umgegangen ist. »Er hat es sich zu Herzen genommen, darüber nachgedacht, und schon ein paar Runden später hatte er es abgestellt und war schneller.« Aber der junge Senna ging auch über das Limit hinaus. In Italien, 1979, flog er zum Beispiel kurz vor Ende einer Trainingssession mit rund 120 km/h ab und direkt in den Begrenzungszaun. »Es war ein Schock. Nicht nur für ihn«, sagt Fullerton. Senna hatte versucht, das immer besser werdende Grip-Level maximal auszureizen und ist dabei abgeflogen. Fullerton rannte zu ihm. »Er starrte mich voller Angst an. Ich versuchte, ihn zu beruhigen. Nach zehn, zwölf Sekunden begann er wieder zu atmen. Kurz darauf war er schon wieder okay. Aber das hätte auch ganz anders ausgehen können.«

Terry Fullerton wurde am 4. Januar 1953 in London geboren und mit 20 Jahren der erste britische Kart-Weltmeister. So lange, wie er zum Sieg über die Weltelite brauchte, dauerte auch seine Karriere: Nach zwanzig aktiven Jahren waren es vier weitere Europameisterschaften und acht britische Meisterschaften. Der Aufstieg in höhere Klassen oder die Formel 1 blieb aus – auf eigenen Wunsch. Nach dem Unfalltod seines älteren Bruders bei einem Motorradrennen wollte er seinen Eltern einen zweiten Verlust ersparen. In den Saisons 1978 bis 1980 traf er auf einen gewissen Ayrton Senna als Teamkollege im DAP-Werksteam. Und den hatte er damals regelmäßig im Griff. Heute lebt Fullerton in Melton Mowbray, Leicestershire, und coacht junge Rennfahrer.

Es ist ein ungewöhnlich kalter Novembertag für britische Verhältnisse. Gerade vier Grad über Null zeigt der Bordcomputer. In der Reifentemperaturanzeige sind alle vier Reifen blau. Behutsam beginnt Fullerton auf der einsamen Landstraße, um etwas Temperatur in die Reifen zu bekommen. Er beschleunigt, sofort greift die Traktionskontrolle, dann bremst Fullerton, um ein bisschen Abwärme zu generieren. Standardprogramm für einen Rennfahrer. Dann beschleunigt er wieder, dann bremst er wieder …so, wie er das auch auf der Rennstrecke machen würde. Die vier blauen Reifensymbole im Bordcomputer wechseln auf Grün. Spürbar weist der Senna mehr Grip auf, beim Beschleunigen, beim Bremsen, beim Einlenken. Fullerton gefällt das. »It’s a racecar …«

Eine halbe Stunde von Fullertons Haus entfernt liegt die Kartstrecke von Paul Fletcher, ein guter Freund von Fullerton. Es ist die größte Kartanlage in Großbritannien. Hier trainiert Fullerton mit seinen Schülern, hier kennt jeder ihn und seine Geschichte. Fachsimpelei unter Profis am Parkplatz. Und dann setzt sich das Kind im Manne durch. Spontan fährt Fullerton mit dem Senna auf die Kartbahn und dreht ein paar Runden. Die Leistung des Senna ist dabei über jeden Zweifel erhaben. Immer wieder hört man auch außenstehend die Traktionskontrolle und wie sie versucht, die Kraft zu zügeln. Fullerton ist weit davon entfernt, etwas auszutesten, er beschleunigt ein bisschen, bremst, lenkt ein. Die Curbs meidet er. Dann kommt er zurück auf den Parkplatz. »Irre! Einfach irre.«

»It’s a racecar …«

Es geht zum Essen. Über ein paar Umwege, schöne Umwege. Allerdings bleiben wir ganz in der Nähe der Kartbahn. Fullerton kommt oft her. Meistens nach Trainings oder Rennen. Er bestellt Suppe und eine Limonade. Der McLaren Senna parkt draußen vor dem Haus. Von seinem Platz aus kann Fullerton ihn durch das Fenster sehen. »Wunderschön«, sagt er. Trotz oder gerade wegen der ganzen Lufteinlässe und Flügel? »Gerade deswegen«, meint Fullerton, »es passt einfach zu diesem Auto, weil du weißt, dass diese Dinge notwendig sind. Da ist nichts gestylt oder übertrieben. Der braucht das einzig für einen Zweck.« So denkt ein Rennfahrer.

Terry Fullerton ist Jahrgang 1953. Er begann mit zwölf Jahren, Gokart zu fahren. In den Jahren von 1970 bis 1980, als sich Fullerton zum routinierten Fahrer entwickelte und auf dem Höhepunkt seines fahrerischen Könnens war, starben 18 Formel 1-Rennfahrer, entweder im Rennen, im Training, bei Testfahrten oder bei Einsätzen in anderen Rennserien. »Ich wollte leben…möglichst lange«, sagt Fullerton heute. »Die Wahrscheinlichkeit, tödlich zu verunglücken, war mir schlicht zu groß.« So hat er es für sich analysiert. Nüchtern. Emotionslos. Natürlich trug auch das Schicksal seines Bruders mit zu dieser Entscheidung bei. Der verunglückte tödlich. Das wollte er seinen Eltern kein zweites Mal antun. »Es war einfach der gefährlichste Sport zu dieser Zeit.« Noch immer ist Ayrton Senna offiziell der letzte Rennfahrer, der direkt bei einem Formel 1-Rennen ums Leben kam. Jules Bianchi verstarb 2015 neun Monate nach seinem Unfall an den Folgen eines Schädel-Hirn-Traumas.

Warum sie bei McLaren den intern als P15 bekannten Hypersportwagen »Senna« genannt haben? Klar, um ihrem dreifachen Weltmeister ein angemessenes Denkmal zu setzen und einem der besten Rennfahrer aller Zeiten zu huldigen. Aber auch, um sich für den Marktstart anno 2018 selbst ein Ziel zu stecken. Und das haben sie erreicht, denn der zweite Sprössling ihrer »Ultimate Series« ist kein bisschen langsamer als sein Namenspate. Und auf der Rennstrecke mindestens genauso kompromisslos. 800 PS, aktive Aerodynamik und unglaubliche Abtriebswerte machen ihn zum schnellsten Straßenfahrzeug, das Woking je verlassen hat. Trumpf dabei: der Bauhaus-Gedanke »Form follows Function«. Selten wohl war der schöner, sicher nie schneller. Moment – haben wir schon über den rein für die Rennstrecke gebauten Senna GTR gesprochen?

Es ist müßig zu überlegen, was Fullerton in der Formel 1 hätte erreichen können. Er denke da auch nicht daran. Aber bereut er es nicht doch manchmal? Fullerton sagt Nein. Ohne zu überlegen. Dann hält er kurz inne, beginnt zu schmunzeln. »Wenn es eine Sache gibt, die ich manchmal bereue – wenn man es so nennen will –, dann ist es vielleicht all das viele Geld, das ich als Formel-1-Fahrer hätte verdienen können.« Denn reich ist Terry Fullerton heute nicht.

Wir steigen wieder ein und fahren weiter. Terry Fullerton fährt eher entspannt, er hat keinerlei Probleme damit, den Rennwagen mit Straßenzulassung auf solcherlei Straßen zu fahren. Er wirkt in jeder Situation gelassen souverän. Wer an Senna denkt, erinnert sich an Rennen, die er unter schwierigsten Bedingungen – im Regen zum Beispiel – jenseits jeglicher Logik oder gar Physik gewann, Rennen, in denen er seine Gegner nicht besiegte, sondern zerstörte, und die ihn zu der Ikone werden ließen, die er heute ist. Und genau dieses Talent zur absoluten Fahrzeugbeherrschung selbst unter schwierigen Bedingungen zeigte sich Fullerton zufolge schon sehr früh bei Senna. »Ich erinnere mich an ein Rennen,wir waren auf Slicks und es war klar, dass dieses Rennen nur er oder ich gewinnen konnten. Wir fuhren direkt hintereinander, ich hinter ihm. Ich spürte, dass ich ihn überholen konnte, ich war ein bisschen schneller als er. Dann begann es zu regnen. Und es war erstaunlich, wie schnell er sich den neuen Bedingungen anpasste. Er fuhr eine völlig andere Linie und fand auf Anhieb die Stellen, an denen er den meisten Grip hatte. Er nutzte den Grip nicht nur zu 99, sondern zu 100 Prozent aus. Von da an musste ich hart kämpfen, um überhaupt noch an ihm dranbleiben zu können.« Im Laufe seiner Karriere fuhr Fullerton noch gegen eine Reihe anderer Fahrer, wie Riccardo Patrese, Nigel Mansell oder Alain Prost. Doch keiner kam für ihn an Senna heran. Bis heute.

Im Laufe seiner Karriere fuhr Fullerton noch gegen eine Reihe anderer Fahrer, wie Riccardo Patrese, Nigel Mansell oder Alain Prost. Doch keiner kam für ihn an Senna heran. Bis heute.

Und Fullerton verfolgt die Szene auch heute noch sehr präzise. Schon jobbedingt. So viel Unterschied zwischen den Rennfahrergenerationen gibt es für Fullerton dann auch gar nicht. »Heute steht deutlich mehr ein konkreter Karriereplan im Hintergrund, als das früher bei uns der Fall war, aber im Großen und Ganzen geht es immer noch darum, schnell auf dem Kart zu sein.« Und die hätten sich nun mal kaum verändert. Was die Qualitäten der Fahrer angeht, so schätzt er vor allem Max Verstappen. Ihn kennt er bereits, seit der mit zwölf Kart fuhr. »Er war schon damals sehr aggressiv, aber auch sehr gut.« Vettel er hält nicht für so gut wie Hamilton. »Ich denke auch, Schumacher war besser als Vettel.«

Fullerton dirigiert den Senna über die britischen Landstraßen. Der Wagen gehorcht ihm wie der kleine Finger. Er genießt es sichtlich. Wie jede echte Männerrivalität gipfelte auch der Wettkampf zwischen Fullerton und Senna in einem Höhepunkt. Für Fullerton endete er voll bekleidet in einem Hotelpool. »Im ersten und auch im zweiten Jahr war unsere Beziehung noch sehr freundschaftlich geprägt. Danach ging Senna etwas auf Distanz. Er sah mich wie einen Gegner, jemanden, den es zu schlagen galt. An diesem einen Montag nach dem Champions Cup 1980 war er immer noch ziemlich angepisst. Aus meiner Sicht hatte ich ihn fair überholt, hart, aber fair. Ich habe ihn berührt, aber nicht gedreht. Er fuhr hart und ich fuhr hart gegen ihn. Es war die letzte Kurve im letzten Rennen. Es ging um alles. Am nächsten Tag ging ich mit meinem Mechaniker an den Pool, natürlich war ich ziemlich glücklich über meinen Sieg. Senna saß da und ich habe ihn kaum beachtet. Er war sichtlich nicht glücklich. Dann plötzlich sprang er auf und schubste mich in den Pool. Einfach so. Als ich wieder auftauchte, hörte ich ihn sarkastisch lachen und davongehen.« Heute lacht auch Fullerton darüber. Damals aber war es anders. »Ich war erst mal geschockt. Ich verstand nicht, was das sollte. Aber es schien, als sei es für ihn eine Art Revanche für mein Überholen am Tag zuvor.«

»Diese unbedingte und bedingungslose Hingabe für die maximale Performance. Das eint das Auto und den Rennfahrer. Beide ordnen alles der Optimierung einer Rundenzeit unter. Es geht konsequent darum, schnell zu sein.«

Terry Fullerton

Eine Frage steht noch aus. Die muss kommen. Und ein bisschen scheint es, als ob auch Fullerton darauf gewartet hätte: Gibt es etwas, eine Eigenschaft, die er sowohl bei Ayrton Senna, dem Menschen und Rennfahrer, als auch bei dem Auto McLaren Senna festmachen kann? Fullerton schaltet manuell, mithilfe der Wippen hinter dem Lenkrad, runter vom fünften in den dritten. Er katapultiert uns mit einem straffen Zug von 4.000 auf über 7.000 Umdrehungen. Das geschieht so unmittelbar und schnell, dass es nicht mal als Denksekunde durchgehen kann. Dabei lässt er die Traktionskontrolle aktiviert. Dann sagt er: »Diese unbedingte und bedingungslose Hingabe für die maximale Performance. Das eint das Auto und den Rennfahrer. Beide ordnen alles der Optimierung einer Rundenzeit unter. Es geht konsequent darum, schnell zu sein.«

In Deutschland wurde der Senna zu einem Basispreis von 922.250 Euro ausgegeben. Aktuell wird im Internet ein Wagen zum Kauf angeboten, für rund 1,5 Millionen. Er steht in Marbella, Spanien. Wir greifen das Thema Geld noch einmal auf. Wenn Geld keine Rolle spielen würde, würde er, Fullerton, sich dann den Senna kaufen? Wieder antwortet er, ohne lange zu überlegen. »Definitiv. Ich liebe es, dieses Auto zu fahren! Es wäre aber auch der einzige Luxussportwagen, den ich mir kaufen würde.« Er schaut kurz rüber, fügt aus voller Überzeugung an: »Weil er perfekt ist.« Dann streicht Fullerton mit den Fingern über den Senna-Schriftzug auf der Beifahrerseite. »Und weil für mich natürlich eine sehr große emotionale Komponente in diesem Auto ruht. Ayrton Senna war einzigartig. Als er starb, habe ich geweint. Ich habe das noch nie erzählt, aber er war ein ganz besonderer Mensch, einer, wie ich ihn nie wieder kennen gelernt habe.« Es bleibt das einzige offene sentimentale Bekenntnis zu Ayrton Senna an diesem Tag.

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