Kometenjagd im Boliden

Ein Komet, eine Reise und ein unbekanntes Ziel. Mit dem Toyota Supra steht der Himmel offen. In diesem Fall folgten wir nicht dem Stern von Bethlehem, sondern »Neowise«, der vergangenen Sommer der Erde ein leuchtendes »Hallo« zugeworfen hat.
Text Marko Knab
Bild Marko Knab · ramp.pictures

Supra: das lateinische Lokaladverb bedeutet so viel wie »über«, »oberhalb«. Oder wie es Toyota auf seiner Webseite selbstbewusst übersetzt: »übertreffen«. Sicher nicht für ihr Flaggschiff. Der klassische Sportwagen mit langer Motorhaube und Coupé-Proportionen hatte sich eine Zeit lang rar gemacht. Ende der 1990er-Jahre gab es das letzte Modell. Damals war irgendwie alles ein bisschen »Supra« – schließlich erhellten damals die Kometen Hayakutake und Hale-Bopp den Himmel.

Ende der 1990er-Jahre gab es das letzte Modell. Damals war irgendwie alles ein bisschen »Supra« – die Kometen Hayakutake und Hale-Bopp erhellten den Himmel.

Zufall? Vielleicht. Aber in jedem Fall eine Inspiration, denn in der Hand halte ich den Schlüssel für den auch als »A 90« bekannten Toyota Supra. Am Abendhimmel wiederum soll an diesem Abend der Komet »C/2020 F3« erscheinen. Sein Rufname lautet »Neowise«. Der Blick geht Richtung Nordwesten. Dort soll der Schweifstern nämlich nach Sonnenuntergang auftauchen. Nur wo beobachtet man das interstellare Objekt am besten? Die Milchstraße ist da sicherlich nicht die schlechteste Adresse. Also, los geht’s. Im Supra.

Nur wo beobachtet man das interstellare Objekt am besten? Die Milchstraße ist da sicherlich nicht die schlechteste Adresse.

Die erste Erkenntnis am Steuer des sportlichen Japaners: Die Nachfolge des Supra Mark IV anzutreten, ist zwar keine leichte Aufgabe, aber der Neue nimmt sich der Sache gut an. Gerade einmal 1.570 Kilogramm Leergewicht treffen hier auf 340-Turbo-PS. Gute Startbedingungen für die geplante Kometenjagd. Knackig legt er im Zwielicht und auf den Landstraßen los. Die erste Ernüchterung kommt aber schnell: nicht wegen dem durchaus futuristisch gezeichneten Boliden, sondern wegen der Milchstraße. Die entpuppt sich nämlich als verwinkelte Fußgängerzone. Und »Neowise«? Zwischen Straßenlaternen und hellen Schaufenstern ist keine Schweifspur von ihm zu entdecken.

Also raus aus der Stadt, denn hier gehören dieser Sportwagen und der Himmelsvagabund eigentlich hin. Der Komet lässt sich immer noch nicht blicken. Dann eben weiter durch die Blaue Stunde und hinauf auf die Autobahn. Die ausgesprochen schnelle Erkenntnis: Menschlich gesehen sind 250 Kilometer pro Stunde verdammt zügig. So schnell rennt der Supra auf Wunsch nämlich. Interstellar gesehen sind das aber nicht einmal Peanuts. Neowise und seine 77,6 Kilometer pro Sekunde sind da eher der Rede wert. Gut, dann lassen wir uns eben überrunden oder selbst einholen, wenn wir nicht folgen können.

Also raus aus der Stadt, denn hier gehören dieser Sportwagen und der Himmelsvagabund eigentlich hin.

Die Bedienung im Innenraum und der Soundtrack des Supra haben ausgesprochen bayerische Wurzeln. Sie folgen mit Bedienkonzept und als kerniger Reihensechszylinder scheinbar besten Traditionen aus dem Münchener Voralpenland, Heckantrieb inklusive. Aber mal im Ernst: Der Supra singt sein ganz eigenes Lied! Die Neuinterpretation der Sportwagenikone hat Charakter. Und zwar seinen ganz Eigenen. Und das ist gut so, denn er macht Spaß.

Aber zurück auf die Straße, eine kurvige am Rande der schwäbischen Alb. Auf dem Asphalt liegt ja bekanntlich die Wahrheit. Und die ist ausgesprochen angenehm im »A 90« genannten, fünften Spross der Sportwagenreihe. Gut kontrollierbar lässt sich der Supra hier zirkeln. Dank 50:50-Gewichtsverteilung und Heckantrieb schneidet er sich mit seinen LED-Scheinwerfern leicht schwänzelnd durch die hereinbrechende Nacht. Stets sportlich, aber vor allem immer gut beherrschbar geht es die Kurven hinauf. Links, rechts, links. Aber vor allem immer höher. Der Weg ist das Ziel und auch die Belohnung. Der Ausblick auch. Denn endlich zeigt sich auch »Neowise« über dem Horizont.

Der Weg ist das Ziel und auch die Belohnung. Der Ausblick auch. Denn endlich zeigt sich auch »Neowise« über dem Horizont.

Nicht nur die Nachtluft ist erfrischend, auch der Supra wirkt angenehm klar und ehrlich: zwei Fahrmodi mit »Normal« und »Sport«. Nicht mehr, nicht weniger. Gut geschnittene Sportsitze, angenehme Haptik, kein unnötiger Schnickschnack – die stabilisierende Querstrebe zwischen Kofferraum und Fahrgastraum lässt grüßen. Bei den Dummy-Lufteinlässen in der Karosserie drücken wir auch beide Augen zu. Aber das passiert bei jedem freudigen Grinsen in der Beschleunigungsphase sowieso. Die Ohren machen wir dagegen auf. Kickdown!

Über die Vierspurige geht es zurück nach Hause. Ich lasse die Ikone austrudeln, ein letzter saftiger »Popp« aus dem Sportauspuff. Plötzlich wildes Winken, Pfeifen und Rufen an der Ampel neben uns, kurz vor Mitternacht. Das Fenster fährt herunter. Offensichtlich ein gebürtiger Amerikaner und seine Freundin. Mit einer Mischung aus Neugier und Begeisterung fragen sie:

»Is that a Supra?«

Aber sowas von.




Toyota GR Supra
Antrieb: Reihensechszylinder-Turbomotor
Hubraum: 2998 ccm
Leistung: 250 kW (340 PS)
Drehmoment: 500 Nm
Beschleunigung: 0-100 km/h in 4,3 s
Vmax: 250 km/h


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