Krauts in America

Dieses Wochenende besucht die Formel 1 endlich wieder die USA - und wir erinnern uns gut gelaunt an unsere letzte Reise durch 'Murica. Zugegeben: Vor zwei Jahren waren wir an der Ostküste und beim Saisonfinale der NASCAR - nicht in Austin. Macht aber nichts, denn dafür spielen ein Ferrari 812 Superfast und ein Camaro LT1 eine Hauptrolle.
Text Natalie Diedrichs
Bild Maximilián Balázs · ramp.pictures

Eigentlich wollte ich ja nach L.A. Aber das haben Automobiljournalisten in den vergangenen Jahren Foto- und Reportagen-technisch so dermaßen abgegrast, dass Sie einen Road Trip entlang der Westküste wahrscheinlich mit einem »Schon wieder«-Seufzer und vielleicht noch einem Augenrollen dazu honoriert hätten. Wohin sollte der Urlaub/die Produktionsreise also dann gehen? Die USA waren zumindest gesetzt. Zum einen, weil mein Chefredakteur gerne eine »Krauts in America«-Geschichte haben wollte. Wie die letztendlich genau aussehen sollte, war zu dem Zeitpunkt noch unklar. Zum anderen, weil es dort IHOP gibt. Das ist eine amerikanische Diner-Kette, die 24 Stunden lang Frühstück anbietet. Und was für eins. Ich sage Ihnen: IHOP ist ein Traum. Wenn es das hier in Deutschland gäbe, würde ich jeden Tag drei Mal dort essen. Morgens Pancakes mit Ahornsirup, mittags Pancakes mit Karamellsoße, abends Pancakes mit Blaubeeren und Schokostücken. Diabetes Typ 2 ginge dann aufs Haus, ebenso wie das Gratis-Eiswürfelwasser mit Chlorgeschmack und die Zitronentüchlein zum Klebehände Abwischen.

Es wurde also die Ostküste statt der Westküste. Florida. Miami. Ocean Drive. Von dort gab’s bislang selten Fotostrecken – vor allem nicht nachts, stellte Max, mein Freund/Fotograf fest. Und das hatte auch seine Gründe, aber dazu kommen wir später. Zwei Autos begleiteten uns auf unserer Reise. Wobei das Wort »Autos« eigentlich nicht ganz passt. »Wahnsinns-Karren« trifft es besser. Ein Chevrolet Camaro LT1 und ein Ferrari 812 Superfast. Sie lassen sich zwar in keiner Weise miteinander vergleichen, verdeutlichten mir aber einmal mehr, jeder auf seine Art, wie tief meine Liebe zum Automobil sitzt – trotz aller Kritik und gesellschaftlichen Diskussionen. Solange es noch geht, würde ich jedem empfehlen, mal einen Wagen mit V-Motor zu fahren. Egal, ob ein V8 wie im Camaro oder sogar ein V12 wie im Ferrari. Ist zwar nicht gerade Greta-konform, aber wer ein schlechtes Gewissen hat, kann ja ein paar Bäume pflanzen. Es lohnt sich.

Sie lassen sich zwar in keiner Weise miteinander vergleichen, verdeutlichten mir aber einmal mehr, wie tief meine Liebe zum Automobil sitzt – trotz aller Kritik und gesellschaftlichen Diskussionen.

Im Nachgang lässt sich festhalten, dass es eigentlich keine perfekteren Autos für unsere Reise hätte geben können. Denn sie erfüllten eine wichtige Funktion: Sie waren Türöffner für zwei Welten, die ohne diese Autos verschlossen geblieben wären. Die schillernd-bunte Welt derjenigen, die es in Miami ihrer Ansicht nach zu etwas gebracht haben. Und die erstaunlich offenherzige Welt der anderen Amerikaner, für die ein Camaro ungefähr so spektakulär ist wie für uns ein VW Golf. Aber wenn jemand mit einem nagelneuen Golf 8 durch Deutschland fährt, dann gucken die Leute trotzdem. Sie wollen sich die neue Variante des Evergreens ganz genau ansehen, ein Pläuschchen über die Veränderungen halten. So war es auch mit dem Camaro Facelift. Der LT1 ist übrigens die Basisvariante des legendären Musclecars. Ab 34.000 Dollar plus Steuern kommt man in den USA in den Genuss, den 455 PS starken V8-Sauger mit Heckantrieb zu fahren. In Deutschland bietet Chevrolet die Variante LT1 leider nicht an. Allein das wäre schon eine Überlegung wert, auszuwandern. Und IHOP natürlich.

Trotz dieser Privilegien kann man in Miami das Leben jedoch offenbar erst dann richtig genießen, wenn man lange genug malocht hat und diese Arbeit schließlich mit Erfolg in Form von Reichtum belohnt wurde. Der amerikanische Traum. Vom Tellerwäscher zum Millionär und so weiter. Diesen Eindruck vermittelte uns zumindest Louis. Wir trafen ihn auf einem Parkdeck im Design District, als Max gerade den 812 Superfast fotografierte. Louis stammt ursprünglich aus Costa Rica, kam mittellos in die USA, gründete ein Unternehmen, das Aufzüge repariert und instand hält, und ist jetzt super reich. Im Alltag fährt er einen Ferrari 488. Den parkte er neben dem 812 Superfast, stieg aus, nahm seine Sonnenbrille ab, begutachtete unseren Testwagen und fällte schnell sein Urteil: »Der ist wirklich schick, aber ein bisschen langweilig.«

Zugegeben, neben seinem Auto wirkte der 812 tatsächlich etwas, nun ja, konventionell. Denn mit einer Serienvariante gewinnt man in Miami keinen Blumentopf, auch wenn wir hier von einem Ferrari sprechen. »Den kann sich ja jeder im Geschäft kaufen«, erklärte mir Louis, während sein Assistent gerade dabei war, die Drohne bereit zu machen. Ein paar Luftaufnahmen für den privaten Instagram-Account des Selfmade-Millionärs. Klar. Jedenfalls verpasste er seinem Ferrari eine noch lautere, klappengesteuerte Abgasanlage und ein, sagen wir, noch exklusiveres Äußeres. Er beauftragte den deutschen Künstler René Turrek damit, den Standardlack des Ferrari abzuschleifen und ihn stattdessen mit den Logos seiner Lieblings-Modelabels Louis Vuitton und Supreme zu schmücken. Handbemalt. Was in Modena vermutlich als Majestätsbeleidigung geahndet würde, ist hier Kunst. Deshalb gab’s auch keinen Stress mit den Markenrechten.

Der 488 wirkt dadurch ein bisschen wie eine sehr schnelle Handtasche auf vier Rädern, aber zumindest passt er nach Miami. Dort, wo scheinbar jeder Ferrari fährt. Oder es zumindest vorgibt. Während der Shootings trafen wir immer wieder auf Influencer, die mit ihren Fotografen um die Häuser zogen, um Fotos für Instagram zu machen. Egal, ob ein durchtrainiertes Männermodel, das fünf verschiedene Outfits in seiner Reisetasche griffbereit hatte, oder eine aufgedrehte Gruppe twerkender Latino-Mädels – sie alle warfen sich buchstäblich vor den 812 Superfast. Und wir standen daneben und hielten die besten Momente fotografisch fest. Das hätte uns sonst doch keiner geglaubt.

Der 488 wirkt dadurch ein bisschen wie eine sehr schnelle Handtasche auf vier Rädern, aber zumindest passt er nach Miami.

Die lang ersehnte Ocean-Drive-Produktion fiel dagegen leider flach. Nicht etwa, weil am Sonntagmorgen um vier zu viel los war auf der Partymeile von South Beach. Sondern weil die meisten Hotels und Clubs ihre Neonlichter ausgeknipst hatten. Und dann war es ganz schön dunkel dort. Keine Aufnahme vom Hotel Carlyle und kein Beauty-Shot mit dem berühmten Gianni Versace-Haus, vor dessen Eingang der exzentrische Modeschöpfer vor 23 Jahren erschossen wurde. Wenigstens ein Hotel ließ die Lampen an, sodass wir immerhin ein Alibifoto mit nach Hause bringen konnten. Zum Glück erwiesen sich die Parkhäuser in der Hauptstadt Floridas als verlässlich. Sie waren 24 Stunden geöffnet und erstrahlten durch ihre satte Beleuchtung, während im Hintergrund die lebendige Metropole im Dunkeln glitzerte. Nur ohne den Ocean Drive.

Ein starker Kontrast zum Bling-Bling-Leben in Miami war übrigens unser Besuch des NASCAR-Finales in Homestead. Es gibt wohl nichts stereotypisch Amerikanischeres als diese Tourenwagenserie. Und zwar mit allem, was so dazugehört. Wer sich in Deutschland fragt, wer bitte Donald Trump gewählt hat, findet auf dem Gelände der Rennstrecke schnell Antworten. Beispielsweise in Form einer vierköpfigen Bilderbuch-Familie, die T-Shirts im Partnerlook trägt. Vorne steht »President Trump 2020, Keep America Great« drauf und hinten »If you feel offended by this flag, I’ll help you pack.« Harter Tobak.

Nach zwei Corndogs, einer kalten Coke, einer Militärparade, einem gemeinsamen Gebet und einer Düsenjet-Flugeinlage samt Fallschirmsprung transportierten wuchtige Ford Trucks die NASCAR-Helden auf die Strecke. Jeweils zwei auf einer Ladefläche, damit noch genügend Platz für die zwei Meter breite US-Flagge blieb. Und nach der Nationalhymne ging’s dann auch schon los mit dem vierstündigen Saisonabschluss. An dieser Stelle würde ich wirklich gerne einen bildhaften Vergleich liefern, der die Geräuschkulisse adäquat beschreibt, aber ich habe in meinem ganzen Leben noch nie etwas gehört, das diesem Lärm auch nur im entferntesten Sinne gerecht wird. Selbst als ich Max direkt ins Ohr brüllte, konnte er kein Wort verstehen.

Einigen wir uns also am besten auf »ohrenbetäubend«. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Meine narkotisierten Gehörorgane klingelten selbst am Tag darauf noch, als wir bei einem Stapel in Ahornsirup getränkter Pancakes unsere nächste Etappe planten. Der Ferrari blieb in Miami, und endlich kam der Camaro zum Einsatz. Ein Auto, für das ich schon seit Jahren einen Platz in meiner imaginären Garage reserviert habe. Er hat Wumms ohne Ende, eignet sich wegen seiner Rückbank und des großzügigen Kofferraums hervorragend fürs Reisen und ver­leiht einem dank des Chevrolet Markenlogos am Kühlergrill auf Anhieb das Gefühl, ein Teil von alldem hier zu sein. Ob man nun will oder nicht. Und weil sich die amerikanische Automarke schon seit Anbeginn der Rennserie in der NASCAR engagiert, war der Camaro das perfekte Fotomodel für unser nächstes Shooting in Daytona Beach.

Die Küstenstadt nördlich von Miami ist ein historisch bedeutender Ort für den amerikanischen und internationalen Motorsport. Beim 24-Stunden-Rennen messen sich hier jedes Jahr Rennfahrer aus aller Welt bis zur völligen Erschöpfung. Der legendäre, 5,7 Kilometer lange Speedway mit seinen drei Steilkurven (üblich sind zwei) bildet das Zentrum der 70.000-Einwohner-Stadt. Seine Wolkenkratzer-hohen Besucherränge überragen die dort angesiedelten Kinos, Geschäfte und Restaurants bei Weitem. Alles scheint im Schatten dieser gigantischen Rennstrecke zu liegen. Der zweite Place to be ist der Strand von Daytona. Alle, die Disneys Animationsfilm »Cars 3« gesehen haben, wissen natürlich, dass an exakt diesem Meeresufer vor 72 Jahren die NASCAR-Serie gegründet wurde. Genau dort setzten wir den Camaro in Szene. Selbstverständlich bei Sonnenaufgang. Das klappte im Gegensatz zu unserem Ocean-Drive-Flop wirklich gut.

Auf bestimmten Abschnitten des Strandes darf man offiziell mit dem Auto fahren, zwar nicht mehr als 10 Meilen pro Stunde (16 km/h), aber bei so etwas können Fotografen ja zum Glück tricksen. An diesem bilderbuchhaften Morgen war erstaunlicherweise wenig los. Abgesehen von den schätzungsweise 300 Wasservögeln, die neugierig beobachteten, wie ich zwanzig Mal geradeaus fuhr und anschließend wieder zurücksetzte, während Max auf den Auslöser drückte. Schon erstaunlich, wie an einem ursprünglich so leisen, beruhigenden Ort etwas so Lautes wie die NASCAR entstehen konnte. Nachdem wir der Beach Patrol dann noch erklärt hatten, dass es sich bei dem Camaro um das neueste Modell handelt, die Front im Gegensatz zum Vorgänger leicht abgeändert ist und es die Basisvariante ab 34.000 Dollar plus Steuern zu kaufen gibt (»unbelievable!«), gingen wir anschließend wieder unserer gewohnten Morgenroutine nach. Wobei, nicht ganz: Diesmal wählte ich Erdbeersirup.


ramp shop


Letzte Beiträge

Outfit of the day: »What have you got?«

Sprechen wir über nachhaltige Wirkungen. Die erzielte Marlon Brando nicht nur mit dem Satz oben in dem Film »The Wild One« – es handelte sich auf Brandos trockene Antwort auf die Frage, wogegen er rebelliere–, sondern auch mit seinem Look.

Reeves Reloaded

Keanu Reeves wurde lange nur als Actiondarsteller wahrgenommen und in den letzten Jahren wegen seinerechten Freundlichkeit beinahe kultisch verehrt. Seltsamerweise hat der 57-Jährige genau durch diese Kombination etwas bewahrt, das sich nicht faken lässt: Coolness.

Vom Beben und Leben: Kurt Molzer reitet den 1969er Charger R/T

Seit Kurt wieder für ramp schreibt und diese geisteskranken, bis zu 1.000 PS starken Supersportwagen fährt, verliert er mehr und mehr den Bezug zum und das Interesse am normalen Leben – sagt er selbst. Was da hilft? Hoffentlich dieser ganz normale Wahnsinn hinter dem Steuer eines 1969er Dodge Charger.

Der Stoff aus dem die Träume sind: Alcantara bei der Autostyle 2021

Schön, leicht und oft in schnellen Autos verbaut: das ist Alcantara. Man könnte auch sagen: Der etwas andere Stoff. Das Mikrofaser-Multitalent ist dabei nicht nur für den Motorsport geeignet, sondern hat auch modisches und astronomisches Potential – was uns Filippo Taiani bei der Autostyle 2021 zeigt.