Mal ganz neu gedacht

Kann Abfall Luxus sein? Aber sicher! Denn genau das zeigt BMW mit dem i Vision Circular. Wir sprachen mit Domagoj Dukec, Head of BMW Design, über die Studie und darüber, welche Rolle die Ästhetik beim Thema Nachhaltigkeit spielt.
Text Matthias Mederer
Bild BMW

Herr Dukec, BMW und Luxus, das war bisher sehr nachvollziehbar und eindeutig über den 7er definiert. Jetzt stellen Sie mit dem i Vision Circular die Zukunft vor. Und auf den ersten Blick fällt auf: Der Luxus in der Zukunft von BMW ist sehr klein.
Das ist richtig. Tatsächlich ist der Footprint dieses Konzepts gerade mal vier Meter, in etwa die Größe eines BMW i3. Der Innenraum aber bietet aufgrund des elektrifizierten Antriebs nicht nur durch die Elektrifizierung, sondern auch durch das »Onebox«-Design dasselbe Raumgefühl wie in einem 7er. Für uns beginnt es damit, dass Luxus in Zukunft nicht mehr nach den alten Mustern wie »only size matters« oder über den Preis funktioniert.

Wie verhindern Sie, dass Sie damit in einer von optischen Reizen dominierten Social-Media-Gesellschaft im wahrsten Sinne des Wortes übersehen werden?
Es geht um die Story. Bisher war Luxus oft darüber definiert, was ein Produkt kostet. Es ist so und so teuer, damit ist es ein Luxusgut. Es kann sich nicht jeder leisten. In Zukunft wird die Aussage, die ich mit dem Kauf eines Produktes tätige, wichtiger. Es geht nicht mehr um die Botschaft: Schaut her, was ich mir leisten kann! Es geht um die Botschaft: Schaut her, dieses Produkt ist wertig und nachhaltig. Durch den Erwerb gönne ich mir etwas und tue etwas für das Klima. Luxus wird also weit mehr sein als ein rein materielles Thema, es wird zu einem ideologischen Thema. Und wir dürfen nicht vergessen, dass das, was wir hier sehen, nicht die universelle Wahrheit ist. Es ist ein Ansatz, eine Idee, die wir umgesetzt haben, und diese hat mehr Tiefgang, als sich über einen flüchtigen Blick erfassen lässt. Es geht darum, die komplette Story zu erkennen.

Können Sie die Story erzählen?
Wie weit darf ich ausholen?

Gerne etwas weiter.
Gut. Beginnen wir mit der Höhlenmalerei.

Oh!
Wie gesagt, es geht darum, die ganze Story zu verstehen. Höhlenmalerei war der Anfang des Designs. Menschen haben sich Werkzeuge ge-
macht, um Kulturgüter zu schaffen, um Vorstellungen zu visualisieren. Davor sind wir immer nur um unser Leben gerannt. Das führte schrittweise zu Verbesserungen. Dessen müssen wir uns bewusst sein. Wenn wir uns immer nur mit den Dingen beschäftigen, die wir kennen, wenn wir immer nur die Prozesse abspulen, die wir etabliert haben, stagnieren wir. Aber das können wir uns gegenwärtig nicht mehr leisten. Um Fortschritt zu erreichen, müssen wir weiterdenken, und das tun wir bei BMW im Design, und das tun wir mit dieser Studie. Noch mal: Das, was wir hier sehen, ist eine Vorstellung davon, was sein könnte, und basiert durchweg auf vier Prinzipien: rethink, reduce, reuse und recycle.

Mehr als Mode:

Der Nachhaltigkeitsgedanke hinter der Studie hat auch beinhart etwas mit begrenzten Ressourcen und der Entwicklung von Rohstoffpreisen zu tun. Darum ist die Recyclingidee bei dem i Vision Circular radikal und konsequent durchgesetzt. Das 3D-gedruckte Lenkrad besteht aus Holzpulver, Displays gibt es nicht.

Noch eine Sache zum Thema »Wiedersehen macht Freude«: Ein gläserner iDrive Controller aus einem BMW iX dient in der C-Säule als Leuchte.

Was bedeutet das?
Die Menschheit baut pro Jahr rund 100 Millionen Autos, bei BMW bauen wir immerhin 2,5 Millionen. Und wir sprechen von Nachhaltigkeit und wollen weiter wirtschaftlich erfolgreich sein. Man muss sich bewusst machen, was das für diesen Planeten bedeutet. Da tun sich Konflikte auf. Wir brauchen also neue Lösungen. Alles, was wir für diese Studie verwendet haben, ist sogenanntes »secondary material«, also Material, das wir zweitverwertet haben. Auf Lacke haben wir verzichtet, die Außenhaut besteht vorne aus Aluminium, das ist eloxiert, dadurch entsteht ein Goldbronze-Ton. Hinten ist es Stahl, das durch die Wärmebehandlung einen lila Farbton erhalten hat. Auf Verblendungen, um zum Beispiel unschöne strukturelle Teile optisch verschwinden zu lassen, verzichten wir weitestgehend. Stattdessen gestalten wir schon die strukturellen Teile so, dass sie an der sichtbaren Oberfläche ästhetisch ansprechend funktionieren. Die Frontscheibe ist gleichzeitig Monitor, die Heckscheibe zieht sich über die Rückleuchten, die hier direkt integriert sind. Technisch ist es uns heute so möglich, auf viel Material zu verzichten, das früher notwendig war. Das wird natürlich gerade im Innenraum extrem weitergeführt.

»Das, was wir hier sehen, ist eine Vorstellung davon, was sein könnte, und basiert durchweg auf vier Prinzipien: rethink, reduce, reuse und recycle.«

Wie weit kann man hier heute gehen?
Wir haben nichts geklebt. Alles lässt sich zurück in das reine, zirkulare Material demontieren. Auch das ist ein Punkt: Ein Auto für die Zukunft zu entwickeln bedeutet nicht einfach, zu schauen, dass man unter den gegebenen Bedingungen das bestmögliche Fahrzeug baut, sondern eben auch, dass man bereits eine Demontage-Strategie zugrunde legt, mit der sich alles ressourcenschonend zurückbauen lässt.

Was ist zirkulares Material?
Ich nenne gerne das Beispiel der Cola-Dose. Nach dem Gebrauch gibt der Kunde sie in die Pfandrückgabe, die Dose wird geschreddert und es wird wieder eine Cola-Dose daraus. Das geht nur, weil es reines Aluminium ist und bleibt. Indem wir nichts verkleben oder mixen, stellen wir sicher, dass das Material rein bleibt. Hinzu kommt, dass wir durch 3D-Drucke heute Teile ohne Abfall herstellen können.

Das ist nachhaltig, aber noch kein Luxus.
Richtig. Und deshalb kommt an der Stelle die Ästhetik ins Spiel. Nachhaltigkeit muss cooler aussehen als ein normales Material. Clean, zeitlos, dynamisch. Das ist BMW. Und da komme ich zurück zu den Konflikten, die sich ergeben. Als Designer mag ich Konflikte, denn aus ihnen erwachsen neue Lösungen. Mit der neuen Klasse haben wir bei BMW einst Eleganz mit Dynamik verbunden, mit der Vision iNext Effizienz und Dynamik – und beim i Vision Circular verbinden wir nun Nachhaltigkeit mit Luxus.

Aus Alt mach Neu – und luxuriös:

Der Teppich im Innenraum ist hochflorig und aus hundert Prozent recyceltem Kunststoff gefertigt, die Lounge-artigen Sitze bestehen ebenfalls aus einem Sekundärmaterial, das eine samtartige Anmutung hat.

Wie alles an dem Fahrzeug lassen sich auch die Sitze leicht demontieren und statt der üblichen Verklebungen werden die Stoffe mit Kordeln, Knöpfen und Schnellverschlüssen zusammengehalten.

Und der Kunde geht mit?
Wir haben sehr viele Erfahrungen mit dem i3 gesammelt. 70 Prozent waren Neukunden, für die ein BMW zuvor nicht in Frage kam. Wir erwarten gerade von unseren Luxuskunden auch ein gewisses »intellectual leadership« in der Gesellschaft. Das sind Menschen, die Verantwortung übernehmen, die bewusst mit den Dingen umgehen und wissen, worauf es ankommt. Gerade im Luxussegment gab es immer schon den »social climber«, der sich über den Status eines Produkts definiert hat. Momentan beobachten wir einen Wandel in der Gesellschaft, der Luxuskunde wird mehr und mehr zu einem »social driver«, der sich über seine Rolle als gesellschaftliches Vorbild definiert, ähnlich wie wir das in der Mode- und auch Möbelindustrie schon seit einiger Zeit beobachten. Nur fährt man dort natürlich andere Zyklen als in der Automobilindustrie.

Geht es nicht einfach ohne Auto?
Nein. Das sage ich nicht nur, weil ich in dieser Industrie arbeite, sondern auch, weil wir viele Gespräche und Untersuchungen führen, in denen wir herausfiltern wollen, wie die Zukunft der Mobilität aussehen wird. Dazu kommt: Der i Vision Circular ist nicht einfach eine Studie für sich, sondern ein Teil eines Mobilitätskonzepts, das auch zwei andere Studien umfasst: Zum einen das BMW Motorrad Vision AMBY, das ist ein Zweirad, bei dem motorrad- auf fahrradtypische Elemente treffen. Und zum anderen das BMW Motorrad Concept CE 02, ein leichtes E-Fahrzeug für den urbanen Einsatz. Man kann also zusammenfassend sagen, dass das Auto auch in der Zukunft der Mobilität einen Teil ausmachen wird.


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