Maserati MC20 Cielo: Himmelwärts

Seit 2015 ist Klaus Busse Head of Design bei Maserati - und hat der italienischen Marke mit eleganten Kanten und geschwungenen Formen wieder zu Glanz verholfen. Das neueste Werk aus seiner Feder: Der Maserati MC20 Cielo, die offene Variante des hochgelobten Supersportwagens. Ein Gespräch über Autos, Rockstars und italienische Ästhetik.
Text Matthias Mederer
Bild Matthias Mederer · ramp.pictures

Verspüren Sie eigentlich Druck?
Natürlich ist es aufregend, Chefdesigner einer Marke wie Maserati zu werden. Doch du musst auch liefern und das bedeutet, dass ich mich vor nun rund sieben Jahren intensiv mit italienischem Automobildesign und der italienischen Ästhetik und Kultur ganz allgemein auseinander gesetzt habe.

Fiel Ihnen das als Deutscher, der unter anderem zehn Jahre bei Daimler war, schwer?
Es gibt ein paar ganz grundsätzliche Unterschiede. Der deutlichste Unterschied ist für mich, dass deutsches Automobildesign vor allem ein evolutionäres Design ist, das heißt, die Form wird für den Kunden nachvollziehbar weiter entwickelt. Italienisches Automobildesign funktioniert anders. Es gestaltet aus den heute gegebenen Umständen das bestmögliche Design. Das bietet einerseits fantastische Möglichkeiten, andererseits liegt darin immer auch eine Gefahr, den Kunden zu verlieren, weil er der Story nicht mehr folgen kann.

KLAUS BUSSE, geboren 1969 in Minden, Deutschland, studierte BA Transportation Design an der Coventry University; über Daimler, Jeep, Dodge und Ram in den USA führte sein Weg zu Stellantis, wo er heute das Design für Maserati und Alfa Romeo verantwortet. er zählt zu den wichtigsten Automobildesignern der Welt.

So gesehen bringen Sie idealerweise das Beste aus zwei Designwelten zusammen?
Idealerweise, ja.

Gelingt das immer?
Ich finde, wir haben es gerade beim MC20 in einer Konsequenz und dann auch für den MC20 Cielo auf eine tolle Art und Weise hinbekommen. Das sage ich natürlich als Chefdesigner mit einer gewissen Subjektivität, aber auch mit all meiner professionellen Kompetenz. Dieses Auto ist eine emotionale Skulptur, die etwas in die Gegenwart übersetzt, das einst mit Rennsportwagen wie dem legendären Maserati A6GCS unseren Markenkern definiert hat.

Der MC20 war ein völlig neues Projekt. Sie durften mit einem weißen Blatt Papier beginnen. Geben Sie hier als Chefdesigner eine Richtung vor und sagen Sie, da wollen wir hin?
Nein. Es war so, dass wir zunächst mal fast philosophische Gespräche geführt haben, darüber, was unsere Marke ausmacht, wo wir herkommen, wie wir uns entwickelt haben, und wo hin wollen? Ich habe hier also nicht eine Richtung vorgegeben, sondern zunächst geschaut, wer unsere Gedanken in welcher Form übersetzt. Von da haben wir dann mehr und mehr eine konkrete Richtung abgeleitet.

Am Ende aber stehen Sie auf der Bühne und präsentieren der Welt das neue Produkt. Funktioniert die Identifikation einer Automobilmarke in einer Welt der Ich-Marken heute nur noch über Typen?
Interessante Frage. Wobei ich mich damit schwer tue. Wir kennen dieses Phänomen aus der Fashion-Industrie, wo der kreative Chef ein ganzes Studio an fleißigen Designern hinter sich hat, die seine Kollektionen entwickeln, der Chef kommt dann hin und wieder dazu, hebt oder senkt den Daumen und kassiert am Ende die Lorbeeren. Bei Maserati glauben wir an die Kraft der Zusammenarbeit und das Teilen von Ideen. Ich arbeite mit einem großartigen Team zusammen, hochprofessionell und ein jeder bringt hier einzigartige Fähigkeiten mit ein, die jedes Ziel, das wir erreichen, zu einem Teamerfolg machen.

»Dieses Auto ist eine emotionale Skulptur, die etwas in die Gegenwart übersetzt, das einst mit Rennsportwagen wie dem legendären Maserati A6GCS unseren Markenkern definiert hat.«

Klaus Busse

Doch das ist kein reines Phänomen der Fashion-Industrie.
Das stimmt. Im Grunde gab es das ja auch schon seiner Zeit bei den großen italienischen Automobildesignern. Sie alle waren charismatische Typen, die für ein bestimmtes Design standen, die aber längst nicht alles selbst gezeichnet haben. Automobildesign ist ein Teamsport. Anders geht das nicht. Und es ist so, dass gerade Designer oftmals Biografien haben, die weit mehr ‚Rockstar‘ schreien, als meine eigene.

Können Sie hier ein paar ein Beispiele nennen?
Das möchte ich lieber nicht. Die Kollegen möchten vielleicht noch Karriere machen (lacht).

Schade.
Warten Sie. Eine Anekdote kann ich erzählen. Sie handelt von einem meiner ehemaligen Designer. Er ist mittlerweile im Ruhestand und hat somit nichts mehr zu verlieren.

Jetzt sind wir neugierig.
Er war tatsächlich in einer Rockband, aber das ist schon sehr lange her. Solange, dass Deep Purple noch als Vorband bei ihm gespielt hat. Sie hingen damals natürlich auch in den entsprechenden Bars und Clubs rum und in einer war es Usus, dass man sein eigenes Bier mitbrachte, weil die Getränke irgendwann ausgingen und wer dann noch was trinken wollte, musste schon sein eigenes Bier mitbringen. Hatte mein ehemaliger Designer natürlich gemacht und so lehnte er laut Erzählung an der Bar und trank genüsslich sein selbstmitgebrachtes Bier als ein Typ auf ihn zukam und sein Bier wollte. Er antworte standesgemäß mit »Verpiss dich!«

Und dann kam es zur Schlägerei?
Nein. Der Typ ging einfach weg.

Und wo ist da die Pointe?
Der Typ hieß Ozzy Osbourne. Einer meiner ehemaligen Designer hat einen um Bier schnorrenden Ozzy Osbourne weggeschickt! (lacht laut auf) Wie soll ich mich da heute auf die Bühne stellen und den Design-Rockstar geben?

→ Mehr zum MC20 Cielo finden Sie in der rampstyle #27 »By the Way«.


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