Migliaia di storie

Es heißt, über die Mille Miglia sei schon alles gesagt, gedacht und geschrieben worden. Aber wer genau zuhört und aufmerksam beobachtet, bemerkt die kleinen Episoden am Rande der 1.000 Meilen. Könnte auch daran liegen, dass der Wagen hin und wieder den Geist aufgab.
Text Michael Petersen
Bild Matthias Mederer · ramp.pictures

Schritttempo, Kopfsteinpflaster. Und das mit dieser Kupplung! Aber immerhin funktioniert sie. Noch. Die Fans jubeln, winken mit Fähnchen, machen mit ihrem Handy Fotos. Es stinkt so provokativ nach Benzin, Abgas und Öl, als ob jemand dazu aufgerufen hätte, die Feinstaubdebatte mit Feinstaub zu ersticken.

Es ist der Moment nach einer fünfstündigen Tour über italienische Landstraßen in einem Alfa Romeo 1900 ti. Ohne Servolenkung, Bremskraftverstärker oder Sicherheitsgurt. Anfangs blättert der Navigator umständlich im Roadbook. »Komm, wir fahren einfach nach dem Handy«, meint er schließlich. Die erste Etappe wird brav mithilfe des klassischen Roadbooks gemeistert. Ganz so wie Stirling Moss und Denis Jenkinson – wobei deren Durchschnittsgeschwindigkeit zugegebenermaßen eine etwas andere war. Die Gespräche waren damals vermutlich auch eher knapp bemessen, allerdings klingt der Inhalt heute etwas anders: »Also, wo muss ich hin? Links, rechts, geradeaus?« Der Navigator schweigt. »Kein Netz?« Immer noch keine Antwort. Beim Abgleich der Route zwischen Google Maps mit der im Roadbook stellt sich heraus, dass noch gut 140 Kilometer Landstraße zu fahren sind. Wie gesagt, ohne jegliche Assistenz- oder Sicherheits-Systeme. Erwähnenswert vielleicht noch die Scheinwerfer, Baujahr 1952. Sie sind so blind, dass sich die Sichtweite durch die Lampe eines Smartphones glatt verdoppeln würde. Im Etappenziel freut man sich über die schöne, aufregende und spannende erste Etappe. Und betont, wie sehr man sich auf die zweite Etappe freut. Fünf Stunden später klingelt der Wecker wieder.

»Das Besondere an der Mille Miglia ist die Kombination aus dem autoaffinen Italien, der Begeisterung der Zuschauer und Teilnehmer und der wunderschönen Streckenführung. Die Mille Miglia lässt sich mit keiner anderen Veranstaltung vergleichen. Sie ist keine Kaffeefahrt, kein Concours d’Elegance, es ist wirklich Sport. Die Mille Miglia ist und bleibt für mich auch nach 30 Jahren ein einmaliges Erlebnis.«

Karl-Friedrich Scheufele, Präsident von Chopard

Frühstück um sechs Uhr morgens. Insofern müsste es eigentlich »Sehrfrühstück« heißen. Schauspieler Scott Eastwood und seine Freundin sitzen einen Tisch weiter. Er trägt Sonnenbrille. Die erste Etappe fuhr Eastwood zusammen mit Le Mans-Gewinner Romain Dumas im Porsche 550 Spyder. Sein Resümee: »Crazy!« Dann gibt er zu, dass er sich, als es in die Nacht hinein ging, irgendwann schon Sicherheitsgurte gewünscht hätte. Aber Dumas habe ihn mit folgenden Worten beruhigt: »Glaub mir, es ist besser, wir werden bei einem Unfall am Stück aus so einem Auto geschleudert, als darin festgegurtet zu sein.«

Mit dem Begriff Urgestein soll man ja vorsichtig sein. Vielleicht könnte man Pedro eher als Jungsteinzeitlichen bezeichnen. Denn bereits mit fünf Jahren ging er bei der Mille Miglia an den Start. Auf dem heißen Sitz im Wagen seines Vaters. Ende der Siebziger war das. Mit 18 saß er selbst am Steuer, inzwischen betreut er eine sehr spezielle Mietwagenflotte: Meist rollen fünf seiner Oldtimer im Feld mit. Pedro scheint überall gleichzeitig zu sein.

Beim Versuch, den Alfa so behutsam und respektvoll wie möglich zu starten, macht der Vierzylinder alles, nur nicht anspringen. Pedro muss her. Als der ein paar Mal kräftig aufs Gaspedal tritt, heult das Auto umgehend auf und fällt dann in einen erwartungsfrohen, wenn auch leicht unrunden Leerlauf. Pedro erklärt lachend: »Wisst ihr das nicht? Jeden Oldtimer muss man anders behandeln.« Mal sanft, mal etwas fester. Und entscheidend dabei: »Vergesst niemals, dass ein altes Auto eine Seele hat!« Der Mann hat gut reden.

Dank GPS weiß Pedro stets, wo sich die von ihm betreuten Wagen gerade befinden. Unser Team rührt sich gar nicht mehr, wie er feststellt. Beunruhigt fragt er am Telefon nach: »Habt ihr ein Problem?« Die Antwort: »Nein, nur Hunger, wir essen gerade ein paar Nudeln.« Pedro sorgt dafür, dass man rasch bezahlt und eine Abkürzung wählt, um das Feld wieder einzuholen. Pedro knurrt: »Ich kann mich doch nicht um ein Auto im Mailand kümmern und um das nächste in Rom.«
Bei 430 Autos kann es vorkommen, dass der eine oder andere Oldie beschließt, eine Pause einzulegen. So auch der Alfa. Was man dann macht? Ebenfalls pausieren, passt auch gut, denn auf diesen 1.000 Meilen scheint man immer Hunger zu haben. In enger Nachbarschaft der Mille Miglia-Strecke laden in einem Vorgarten einige Tische samt Stühlen zum Verweilen ein. Kurz nachdem man Platz genommen hat, fragt eine freundliche Dame: »Sie wünschen?« Naheliegend erfolgt die Antwort: »Wir wollen bestellen!« Überraschender der nächste Satz: »Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie sich auf einem Privatgrundstück befinden?« Bevor man zu sehr errötet, bittet die Signora ins Haus. Das gestrandete Team wird kurzerhand und gerne mitverpflegt.

Bei der Wertung der Mille Miglia der Neuzeit entscheiden Hundertstelsekunden. Im Roadbook werden Streckenabschnitte vorgegeben, die es in einer vorgegebenen Zeit zu durchfahren gilt. Die Einhaltung wird durch das Überfahren von Schläuchen präzise überwacht. Die Fahrzeuge mögen alt sein, die zusätzlichen Hilfsmittel zur Messung sind es keinesfalls. USB-Ports, iPads und Smartphones werden bei diesen Gleichmäßigkeitsprüfungen zur Einhaltung der Soll-Zeit genutzt. Mittlerweile freilich pfeifen viele Teams auf diesen Stress und brettern frohgemut über alle Schläuche hinweg. Die Mannschaften mit Lorbeer im Blick mag das irritieren. Doch den Streckenposten gelingt es mit Überblick und Gelassenheit, ungeordnete Überholvorgänge zu sortieren.

Die Piazza del Campo in Siena bietet eine herausragende Kulisse für die hochkarätigen Vertreter der automobilen Kultur. Ein Herr schert sich nicht um Maserati, Ferrari oder 300 SL Flügeltürer. Er steuert direkt auf den Alfa zu. »Genau so einen hat mein Vater gefahren!« Das Angebot, einmal auf dem Fahrersitz Platz zu nehmen, nimmt er gerne an. Dass die Augen des Herrn feucht schimmern, hat weniger mit der stechenden Sonne zu tun. Fahrer der raren Ikonen im Feld dürften solche Augenblicke eher selten erleben.

Wenn ein Team liegen bleibt, braucht es sich um Unterstützung keine Sorgen zu machen – erstens eilt Pedro zu Hilfe, zweitens ist schnell ein Fahrzeug des Veranstalters zur Stelle. Sind die schneller, erfolgt ein Tauschgeschäft, das nicht so schlecht klingt: kühle Getränke gegen Bordkarte. Die Veranstalter nehmen den Wagen am Straßenrand auf diese Weise aus der Wertung. »Aber nur für heute, wenn der Wagen wieder läuft, könnt ihr morgen weiterfahren«, heißt es in Fällen wie diesen. Vier Bordkarten für vier Rallye-Tage machen es möglich. Schlechter sieht die Sache aus, wenn sich ein Fahrzeug nicht für den nächsten Tag reparieren lässt. Wenn man die Startnummern umklebt und auf diese Weise aus einem Alfa Romeo ein Fiat wird, bleibt es bei »adw« – aus der Wertung. Weiterfahren darf das Team unter fremder Flagge dennoch.

Als auch der Fiat gar nicht mehr mag, muss selbst Pedro bis zur Anlieferung eines Ersatzteils warten. Wie lässt sich die Zeit überbrücken? Am besten mit einer Pizza. Die schmeckt selbst nach italienischen Maßstäben außerordentlich gut. Was nicht von ungefähr kommt, wie der Wirt erklärt: »Ich bin vor Kurzem Europameister der Pizzabäcker geworden.« Guck an. So lässt sich mit vollem Recht sagen: Auch diese Mille Miglia ist für Überraschungen gut.


ramp shop


Letzte Beiträge

Fortsetzung folgt: die Jaguar Continuation Cars

Am Weltkatzentag schauen wir standesgemäß nach England - wo Jaguar mit dem C-Type das nächste seiner Continuation Cars vor kurzem enthüllt hat. Sie zu fahren ist ein Abenteuer der unvergesslichen Art. Was unter anderem daran liegt, wie unfassbar unbequem man in so einem Jaguar C-Type oder E-Type Lightweight sitzt. Aber eben nicht nur. Es ist außerdem ein Riesenspaß.

Sonnenklar: Coole Produkte für heiße Tage

Der Sommer läuft derzeit zur Hochform auf - und wir tun es ihm gleich. Mit den besten Gadgets und Must-haves für die schönste Zeit des Jahres. Unser Guide für alle, denen noch die richtige Badehose fehlt - oder die auf der Suche nach der perfekten Sonnenbrille und dem idealen Transportmittel sind.

Art. Déco. Racer. Der Bugatti Type 59/50 BIII

Es gibt seltene und legendäre Autos. Und dann gibt es den Bugatti Type 59/50 BIII, der unter Kennern auch als »Cork-Rennwagen« bekannt ist. Und nein, nicht nur seine elegante Karosserie macht ihn besonders. Vielmehr seine gesamte Geschichte ist unglaublich – und unglaublich spannend. Auch für die Molsheimer Marke selbst.

Brad Pitt: »Ich trage mein Alter wie ein Ehrenabzeichen.«

In seinem neuesten Film »Bulett Train« spielt Brad Pitt einen Auftragskiller, der in eine ausgesprochen wilde Zugfahrt mit glücklichem Ende verwickelt wird. Was uns zur Frage brachte: Ist Brad Pitt glücklich? Im Gespräch mit dem 58-Jährigen klar, welche Erkenntnisprozesse der Schauspieler durchmachte – und welchem Prinzip er folgte, um zu diesem Gefühl zu finden.