Perfect Quarantine-Places: Kilian Fischhuber in Sibirien

Dass sich Kilian Fischhuber äußerst elegant in den Felsen zu bewegen weiß, hat er im »Wrongly Dressed«-Shooting für rampstyle #9 bewiesen. Er weiß aber auch, wo es äußerst elegante Felsen gibt. Zum Beispiel in Ulakhan-Sis. Das ist so eine Art Synonym für »am Arsch der Welt«. Oder anders ausgedrückt: ein prima Ort, um sich wie in heutigen Zeiten gefordert selbst zu isolieren.
Text Bernd Haase
Bild Red Bull

Manche Sachen muss man wollen. Zum Beispiel nacheinander in vier Flieger steigen. 200 Kilometer mit dem Boot auf dem Indigirka River zurücklegen, nur um dann drei Tage lang mit 30 Kilo schweren Rucksäcken durch die unwegsame Tundra mit knietiefem Sumpf zu waten – begleitet von Moskitoschwärmen und der Aussicht, hinter jedem Baum auf einen Bären treffen zu können, der womöglich noch hungrig ist.

Wie gesagt: Das ist nicht jedermanns Sache. Wer dem aktuellen Corona-Quarantäne-Gebot nachkommen will, hat es definitiv leichter, wenn er einfach die Haustüre hinter sich verschließt und niemanden reinlässt.

»Nach so vielen Jahren der Kletterei ist es mir zu wenig, in Spanien oder Frankreich zu einem Felsen zu gehen und raufzuklettern. Das wird mir zu langweilig.«

Aber Kilian Fischhuber ist nicht jedermann. Der Österreicher gewann fünf Mal den Weltcup im Bouldern und sucht, nachdem er 2014 seine Traumkarriere am Kunstfelsen an den Sicherungshaken gehängt hat, ganz gerne mal unbekanntes Land. So wie die Felsenstadt im Gebirge von Ulakhan-Sis, genannt Sundrun Pillars. Das ist irgendwo ganz hinten oben in in der sibirischen Republik Jakutien. Für die Netzaktivisten unter uns: Gibt man den Ort bei Google Maps ein, bekommt man eine Fläche in Beige angezeigt. Nach ein paar Klicks auf »Zoom minus« kommt etwas Grün hinzu. Ganz viele Klicks später taucht auch irgendwann mal so was auf, das eine Art Zivilisation sein könnte.

Dort also war der Fischhuber. Zum Klettern.

Entdeckt wurde der Ort 2012 von dem Biologen Alexander Krivoshapkin. Der wollte mit seinem Helikopter eigentlich nur Rentier-Herden zählen, stolperte dabei aber über die magisch wirkenden, 10 bis 20 Meter hohen Granitnadeln, die wie überlebensgroße Statuen über die Tundra ragen. Hat er natürlich fotografiert. Und die Fotos sah sein Kumpel, der Geologe Sergey Karpukhin. Da der nebenbei auch noch Abenteurer ist, machte er sich gleich, das heißt 2016, auf den Weg. Nicht einmal, sondern dreimal. »Es ist einer der letzten noch unentdeckten Plätze der Welt«, betont der Russe.

Credit: Red Bull

Das war genau das Stichwort für Kilian Fischhuber. Zusammen mit seinen Kletterkollegen Galya Terenteva und Robert Leistner machte er sich 2018 auf Entdeckungsreise. Zur Sicherheit nahm er Karpukhin mit, schließlich ist Jakutien ungefähr so groß wie Indien, und weil von den dort lebenden 950000 Einwohnern knapp ein Drittel in der weit entfernten Hauptstadt lebt, kann man schlecht nach dem Weg fragen, falls man sich mal verläuft. Außer vielleicht Bären oder Moskitos. Und am Ziel angekommen, war noch nicht einmal sicher, ob man dort überhaupt klettern kann. Sie konnten. In mehr als zehn Tagen eröffneten sie zwölf Routen an zwölf von hunderten Felsen. Jede davon musste erst gesichert und begehbar gemacht werden.

Warum das Ganze?

»Mein Augenmerk liegt nicht auf dem Extremen, sondern auf entfernten Gebieten, wo wenig Leute sind. Nach so vielen Jahren der Kletterei ist es mir zu wenig, in Spanien oder Frankreich zu einem Felsen zu gehen und raufzuklettern. Das wird mir zu langweilig.« Sagte Fischhuber der Tiroler Tageszeitung. »Wenn man nur klettern will, zahlt sich das sicher nicht aus. Aber als Abenteuer war es das wert.«

Credit: Red Bull

Wird es Nachfolger geben? »Das sind Landschaftswunder, die jetzt der Weltöffentlichkeit bekannt werden. Früher oder später, da bin ich mir sicher, werden dort Hollywood-Filme gedreht.« Vielleicht ja auch mit ihm. Seine Hollywoodreife hat er jedenfalls beim »Wrongly Dressed«-Shooting mit Fotograf Bernd Kammerer für rampstyle #9 »Easy Peasy Lemon Squeezy« bewiesen. Der Titel der Story: »On the rocks«.


Letzte Beiträge

Kawasaki Z H2 und Corvette C7 ZR1: Warum wir den Kompressor lieben

Vergessen wir mal kurz den ganzen Hype um alternative Antriebe und erinnern uns an eine inzwischen fast hundert Jahre alte Technologie, die einst Zuverlässigkeit, Freiheit und Männlichkeit verkörperte: den Kompressor. Schön anschaulich am Beispiel einer Kawasaki Z H2 und einer Corvette C7 ZR1.

It’s in the Mix

In der Musik steht der Begriff »Mashup« für Songs, die aus mehreren zusammengemischt wurden. In der Fotografie könnte man den Begriff anhand der Bilder von Paul Fuentes erklären – der die Welt auch ein bisschen anders arrangiert.

Ausflug mit Niki

Niki Lauda gehört zu den prägendsten Figuren des Motorsports. Drei Formel-1-Weltmeisterschaften, ein unglaubliches Comeback und die besondere Beziehung zu James Hunt prägen seine Erbe. Wir erinnern uns an einen besonderen Besuch in Wien, mitten im Herbst 2008. Es geht um Lebensweisheiten und anderen Unfug. Und um Frauen, irgendwie. Ein Mercedes SL 600 beflügelt die Story.

15 ½ Regeln für die Zukunft – und ein ramp.special

»Zukunft ist in Wahrheit Selbstverwandlung«, sagt der deutsche Trendforscher Matthias Horx. Die Zukunft kann aber auch ein neuer Horizont sein, sagen wir. Und verwandeln passend zu den 15 ½ Zukunfts-Tipps von Horx das neue ramp.special in eine Ausgabe rund um das »New Horizon«-Artcar.