Polestar: Big Air mit Caja Schöpf

Rebellion kann politisch sein, persönlich – oder aber sportlich motiviert. Immer bewegt man sich im Grenzbereich, bricht Grenzen auf. Neuland. Caja Schöpf, eine der bekanntesten deutschen Ex-Profi-Freestyle-Skifahrinnen, betreut heute als Sportpsychologin andere Athleten. Weil Gewinnen immer im Kopf beginnt. Neues sowieso.
Text Michael Köckritz
Bild Manuel Nagel

Das Interview mit Caja Schöpf ist die Fortsetzung der Reihe »Motifs«, die Polestar ins Leben gerufen hat. Es geht darum, herauszufinden, was besondere Persönlichkeiten dazu antreibt, ihr Leben nachhaltig zu gestalten und für Nachhaltigkeit zu werben. Der erste Teil in rampstyle #21 war dem Triathleten Sebastian Kienle gewidmet, der zweite Part in ramp #52 dem Windsurfer Florian Jung. Mehr über »Motifs« von Polestar erfahren Sie hier.

Frau Schöpf, unser Magazin beschäftigt sich mit dem Geist der 60er- und 70er-Jahre. Was bedeutet Rebellion für Sie?
Caja Schöpf: Da muss ich an meine Teenager-Zeit zurückdenken. Damals schaffte ich es, so viele Verweise zu sammeln, dass es fast zum Schulverweis kam. Heute würde ich sagen, dass Rebellion etwas mit dem Wunsch nach Ausbrechen zu tun hat und damit, Dinge zu hinterfragen und nicht immer mit dem Schwarm mitzuschwimmen. Rebellion besteht auch darin, Dinge anders zu machen – und nicht immer den Weg des geringsten Widerstandes zu suchen. Als es um den Schulverweis ging, bin ich den Deal eingegangen, ein Jahr lang keinen Verweis zu bekommen. Das habe ich geschafft und dadurch gelernt, diplomatischer zu sein, was heute von Vorteil ist.

Aber wie ging diese rebellische Art mit dem strengen Reglement eines sportlichen Wettkampfs zusammen?
Sagen wir so: Alpines Skirennen wäre vermutlich nichts für mich gewesen. Da muss man stupide durch Tore fahren und der Schnellste gewinnt. Was nicht bedeutet, dass ich nicht um die Schwierigkeiten beim Alpin-Fahren weiß, nur für mich wäre es eben nichts gewesen. Freeskiing ist hingegen eine sehr kreative Sportart, die viel mit Style zu tun hat. Es geht darum, Tricks zu machen. Und die lassen sich variieren. Dazu wird die persönliche Note ebenfalls bewertet.

Aber ohne Ehrgeiz geht es trotzdem nicht.
Nein, ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch. Im Leistungssport ist es wichtig, dass man eine Persönlichkeit mit sehr individuellen Motiven ist, die ihr eigenes Ding macht, ihren eigenen Weg geht. Im Ausdauerbereich, der wieder mehr mit stupidem Training zu tun hat, geht es wiederum darum, an Grenzen zu gehen, auszutesten, wie weit man gehen kann. Womit wir wieder beim Thema Rebellion wären. Wie schaffe ich es, gegen mich selbst, gegen Körper und Psyche zu rebellieren, um meine Grenzen zu überwinden?

Und wie lautet die Anwort auf die Frage?
Es ist eine Challenge, eigene Leistungen zu verbessern – und zugleich, mich mit anderen zu messen. Zu wissen, dass ich besser bin und sein kann. Es ist vermutlich etwas Intrinsisches, denn obwohl ich nicht mehr aktiv bin, macht es mir noch immer Spaß, persönliche Bestzeiten zu laufen, lange Bergläufe zu machen, mich selbst zu challengen und zu quälen oder neue Herausforderungen zu suchen, die mich fordern, an meine Grenzen bringen.

Warum?
Es ist ein sehr intensives körperliches Gefühl, etwas erreicht zu haben. Dazu kommt der physische Zustand der totalen Erschöpfung, der auch ein Rausch ist, zusammen ergibt sich eine Art Flow-­Erlebnis. Ich habe aber nicht den Anspruch, immer nur wie irre irgendwo herumzurennen, ich liebe es auch, entspannt zu wandern, Brotzeit zu machen, in der Sonne zu liegen.

Sie haben Psychologie studiert.
Ja, ich habe Diplom-Psychologie in Innsbruck studiert. Das zog ich in zehn Semestern durch. Danach folgte eine Zertifizierung als Sportpsychologin und ein Master in Wirtschaftspsychologie. Mich interessiert der Mensch und wie er tickt, was besonders im Sport, aber auch im alltäglichen Leben ausschlaggebend für unsere Handlungen ist. Heute betreue ich selbständig in München Athleten und habe berufsbegleitend eine Verhaltenstherapieausbildung begonnen, damit es vielleicht einmal etwas ruhiger in meinem Leben wird.

»Rebellion besteht auch darin, Dinge anders zu machen – und nicht immer den Weg des geringsten Widerstandes zu suchen.«

Caja Schöpf

Einer Ihrer Leitsätze lautet »Gewinnen beginnt im Kopf«. Können Sie uns darüber etwas erzählen?
Ab einem gewissen Niveau ist jeder gleich gut. Ob Lindsey Vonn oder Usain Bolt, diese Profis sind herausragende Talente, physisch komplett austrainiert. Aber jemand, der Zweifel im Kopf hat, Nervosität, Angst, Wut, Druck oder fehlende Motivation verspürt, wird die Leistung am Tag X nicht abrufen können. Und daran gilt es zu arbeiten, am Kognitiven und Emotionalen, was ausschlaggebend für unser Verhalten und letztendlich für das Ergebnis ist.

Wie schafft man das?
Es geht darum, zu optimieren. Das fängt damit an, sehr genau zu schauen, wo die Stärken und Schwächen einer Person liegen. Dann gilt es, Stärken auszubauen und Schwächen zu kompensieren und zu akzeptieren.

So wie Angst?
Genau. Man muss sich mit der Angst anfreunden und sich darüber bewusst werden, was Angst ist. Es ist eine Emotion. Und jede Emotion hat eine Funktion. In diesem Fall handelt es sich um einen Schutzmechanismus. Wenn ich das weiß, fürchte ich mich gar nicht mehr so arg vor etwas, sondern weiß, dass ich die Angst brauche – und kann sie akzeptieren – oder die Angst auch als Respekt bezeichnen, um die Tonalität zu ändern.

Also ist das Denken, der Kopf, zugleich das größte Hindernis.
Absolut. Ich spreche immer von einem Dreieck. Und dieses Dreieck besteht aus Gedanken, Emotionen und Verhalten. Und alles beeinflusst sich wechselseitig. Die Emotion hat einen direkten Einfluss auf mein Verhalten. Das heißt, man beginnt vielleicht zu zittern, weil der Muskeltonus über das zentrale Nervensystem mit unseren Gedanken und Emotionen gekoppelt ist. Ich muss lernen, meine Gedanken zu regulieren. Das Schwierigste, was du machen kannst, ist, Emotionen zu beeinflussen. Durch positive Selbstgespräche, durch Ablenkung, durch eine Veränderung des Blickwinkels.

Wie gehen Sie mit Misserfolgen um?
Usain Bolt hat einmal etwas in der Art wie »the higher the goals, the harder it gets« gesagt. Das heißt, ich muss damit rechnen, dass mir Fehler passieren, wenn ich anfange, mich aus meiner Komfortzone heraus zu bewegen. Und das muss ich zwangsläufig, wenn ich mich verbessern, verändern oder etwas erleben will. Wichtig ist der Umgang mit Misserfolgen. Das heißt, ich muss analysieren, was ich verbessern kann. Entscheidend ist, sich nicht selbst mit den Fehlern zu identifizieren. Das Gleiche ist wahrscheinlich bereits tausend anderen vor mir passiert. Und ich muss lernen, dass das Hinfallen keine Schande ist – sondern nur das Liegenbleiben. Es darf weh tun, man darf sich ärgern, traurig sein. Aber danach schaut man mit Abstand darauf und sagt: »Gut, beim nächsten Mal mache ich es anders.«

Sprechen wir über Ihren Polestar 2.
Das wäre wiederum der Punkt Entschleunigung in meinem Leben.

Wie bitte?
Natürlich beschleunigt das Auto in 4,7 Sekunden von null auf hundert. Das ist eine absolute Granate. Ich bin damit in St. Moritz über den Kamm gebrettert, großartig. Aber wer brettert, muss auch laden. Es ist etwas anderes, als in ein Fahrzeug zu steigen und zu sagen: »So, jetzt fahre ich mal achthundert Kilometer.« Das geht nicht. Entschleunigung entsteht, weil man besser planen und sich Zeit nehmen muss, was ein Bewusstsein schafft. Und zu dem veränderten Bewusstsein kommen die fehlenden Geräusche in einem Elektrofahrzeug. Es ist ruhig. Du bist so schnell, so kraftvoll unterwegs, und gleichzeitig herrscht eine Stille in dem Auto, als ob man schweben würde.

An dieser Stelle könnte man von einer stillen Revolution sprechen.
In jedem Fall kann man bei dem Thema Elektromobilität festhalten, dass moderne Technologien eben nicht immer nur böse sind. Im Gegenteil, sie eröffnen uns viele Möglichkeiten, wenn man möchte, will und vor allem weiß, was die Ziele sind. Und wenn das Ziel Klimaschutz ist, können uns Forschung oder neue Technologien die Antworten liefern.

»Ich war beispielsweise vor vier Wochen in einer Gletscherhöhle – die wird es nächstes Jahr nicht mehr geben. Das ist schon beängstigend.«

Weswegen die Automarken eine größere Verantwortung tragen?
Der aktuelle Stand ist ja der, dass es sich bei Elektroautos zumeist um Luxusobjekte handelt, die man am besten in der Stadt fährt. Mein Wunsch wäre, Elektromobilität für jedermann möglich zu machen. Im besten Fall simple Fahrzeuge, die sinnvoll ihren Zweck erfüllen – und sie müssen dabei ja nicht hässlich sein, sie können trotzdem cool aussehen. Aber sie müssen nicht innen mit Ebenholz ausgekleidet sein. Dazu müsste die Infrastruktur aus­gebaut werden, damit wir auf dem Land die Fahrzeuge nutzen können.

Sie sind ein Bergmensch, da ist Ihnen das Thema Umweltschutz vermutlich alles andere als fremd.
Ja, ich war beispielsweise vor vier Wochen in einer Gletscherhöhle – die wird es nächstes Jahr nicht mehr geben. Das ist schon beängstigend. Allerdings war das Thema Naturschutz in meinem Leben auch deswegen immer präsent, weil mein Vater Referatsleiter des Landesamtes für Umweltschutz war. Trotzdem bin ich um die Welt gejettet, mein CO2-Fußabdruck war nicht der beste. Und Skisport ist jetzt nicht der umweltfreundlichste Sport. Das muss man ganz klar sagen.

»Mein Wunsch wäre, Elektromobilität für jedermann möglich zu machen. Im besten Fall simple Fahrzeuge, die sinnvoll ihren Zweck erfüllen.«

Caja Schöpf

Welche Konsequenzen haben Sie daraus gezogen?
Ich habe keine Saisonpässe mehr und bin nur noch auf Skitouren gegangen. Dazu kommt, dass ich nicht mehr in die Ferne fliegen muss, sondern nur noch kurze Strecken zurücklegen werde. Ich schaue, was ich hier in der Gegend noch an Sachen entdecken kann. Ein aktuelles Projekt heißt »Seven Summits of Bavaria«, wir werden die sieben höchsten Gipfel in Bayern besteigen – und das ist ein gutes Beispiel dafür, dass ich mich mehr damit befassen will, was ich direkt vor meiner Nase habe, vor meiner Haustür. Es geht darum, mit dem, was man hat, zufriedener zu sein. Ganz nach dem Motto: kleine Reise, großes Abenteuer.





Polestar 2
Motor: Zwei Elektromotoren
Batteriekapazität: 78 kWh in 27 Modulen
Leistung: 408 PS (300 kW)
Drehmoment: 660 Nm
0–100 km/h 4,7 s
Vmax: 205 km/h
Gewicht: 2.123 kg

Custom? Cover! Exklusiv erhältlich in den Polestar Spaces.

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