»Und du wirst ihn COUNTACH nennen!«

Lamborghini zollt dem Countach mit einer modernen Hommage Tribut. Das ist einzigartig in der Firmengeschichte. Völlig zu Recht.
Text Matthias Mederer
Bild Matthias Mederer · ramp.pictures

Als der Lamborghini Countach auf dem Genfer Automobilsalon 1971 vorgestellt wurde, stand der Weltöffentlichkeit zunächst mal der Mund offen. Und das tut er im Grunde bis heute. Immer dann, wenn ein Countach vorbei fährt. Was selten genug passiert. Die Welt kannte den Miura, es waren die 1960er Jahre. Die Welt war bunt, hemmungslos und voller Aufbruchsstimmung. Der Miura war wunderschön, ein gutgelaunter Exhibitionismus in nicht mal Hüfthoher und langgestreckter Automobildesignkultur, wenn man so will. Der Lamborghini Countach war nichts davon. Er brüllt seinem Betrachter schon im Stand mitten ins Gesicht: »Glaubst du wirklich, du kannst es mit mir aufnehmen?« Dass viele Menschen – darunter auch viele gestandene Männer – eher mit einem leisen Nein als mit einem entschiedenen Ja antworten würden, ist ein ganz wesentlicher Grund für seine bis heute ungebrochene Faszination. Immer befeuert und beschleunigt beim Countach auch ein bisschen die Angst. Wer heute einen Countach fährt, kennt sein Limit. Er hat sich ihm angenähert. Mehrmals. Und von beiden Seiten.

»Wir machen bei Lamborghini kein Retro-Design - eigentlich.«

Stephan Winkelmann

Dem Lamborghini Countach kommt seit jeher eine Sonderrolle zu in der Firmengeschichte. Er definiert bis heute die Design DNA. Mitja Borkert, Chefdesigner, spricht immer wieder von der Countach-Linie, die jeden aktuellen Lamborghini von der vordersten Spitze bis zum Heck definiert. Und so dürfte auch die Geburt des ursprünglichen Countach eher ein griechischer Epos denn eine nüchterne Fahrzeugentwicklung gewesen sein. Ja, auch heute erzählt CEO Stephan Winkelmann gerne die Geschichte, wonach der damals junge Marcello Gandini, angestellt beim italienischen Karosseriebauer Bertone, den Countach gezeichnet hat und dass wenig später der dialektische Ausruf eines legendär gewordenen piemontesischen Wortes für absolute Begeisterung als Namensspender herangezogen wurde.

Doch das klingt alles sehr unwahrscheinlich. Viel glaubwürdiger beim Anblick eines ursprünglichen Countach ist doch eher eine Story, wonach ein junger, talentierter Design-Hexenmeister in einer Nacht mit Vollmond die Design-DNA eines Miura genommen hat, sie mit der Axt in Stücke schlug und dann mitten hinein in das brodelnde Herz eines gewaltigen Zwölfzylinders warf. Ganz bestimmt gab es eine gewaltige Eruption, die beinahe die wunderschöne Emilia Romagna, ja ganz Italien, zerstört hätte, ehe alles in sich implodierte und sich zu dieser knallharten und puren Skulptur des Lamborghini Countach verfestigte. Aus dem Off sprach vermutlich mit gewaltiger Verve die Stimme von Morgan Freeman: »Und du wirst ihn COUNTACH nennen!« Und der junge Designer nickte. Ziemlich genau so muss es gewesen sein. Zumindest erscheint nur diese Version plausibel, steht man dann wirklich Angesicht zu Angesicht vor einem Countach.

Und heute? Im Zentrum von Lamborghini, nur ein Stockwerk über der Produktionslinie des Urus in Sant’Agata Bolognese, steht der neue Countach, Kennung: LP 800-4, limitiert auf 112 Stück. Von Hexenmeistern keine Spur. Dafür stilsichere Herren im italienischen Maßanzug. »Wir machen bei Lamborghini kein Retro-Design«, sagt Stephan Winkelmann direkt zur Begrüßung. Dann fügt er an: »Eigentlich.« Und damit sagt er im Grunde alles über die Bedeutung des Lamborghini Countach. Bis heute definieren Seitenansicht und Frontansicht des ursprünglichen Countach jeden Lamborghini. »Selbst wenn man auf den ersten Blick nicht erkennen kann, welches Modell vor einem steht, mit diesen markanten Ansichten von der Seite und von vorne ist jedem unmittelbar klar, das ist ein Lamborghini«, präzisiert Winkelmann. Und weil der Countach hier so maßgeblich prägend ist, gibt es heute diese auf 112 Stück limitierte Sonderserie. 112 deshalb, da der ursprüngliche Countach unter der internen Bezeichnung Projekt 112 lief.

Der Antrieb? Natürlich ein V12, längs eingebaut. Aber eben auch ein Mild-Hybrid, mit einer Elektroeinheit, bekannt aus dem Sían und eine ebenso ausgeklügelte, intelligente Aerodynamik.

Der Antrieb? Natürlich ein V12, längs eingebaut. Aber eben auch ein Mild-Hybrid, mit einer Elektroeinheit, bekannt aus dem Sían und eine ebenso ausgeklügelte, intelligente Aerodynamik. Vom technischen Standpunkt ist dieser Countach vieles, nur keine Hommage, sondern eine in der Tradition der Marke fortgeführte Entwicklung. Optisch aber ist er eine moderne Interpretation dessen, was in den beinahe 20 Jahren Bauzeit des Countach an Derivaten zum Kult der Marke Lamborghini beigetragen hat, beginnend beim LP 500 und mit prägenden Merkmalen des LP 400 bis hin zu den Periscopio Linien auf dem Dach, den markanten Luftschlitzen auf den Schultern oder Inspiration vom Quattrovalvole in der Front oder den Rädern. Nahezu jedes Detail greift als Zitat die Vergangenheit auf.

Welche Bedeutung der Countach für Chefdesigner Mitja Borkert hat, zeigt schon der Gang zum Centro Stile. Direkt nach der Eingangstüre erblickt man ein 1:8-Modell, entworfen von Marcello Gandini. »Ich habe es bewusst hier platziert«, sagt Borkert. Zum einen, weil es ihn und sein Team tagtäglich daran erinnert, woher die Marke kommt, zum anderen, weil es anspornen soll, ebenso prägend und visionär die Zukunft zu gestalten. »Für mich beginnt die Countach Story mit dem LP 500 von 1971. Das ist die pure Essenz des Design, von dort ausgehend hat sich alles entwickelt.« Bis heute.

Bis hin zum Countach LP 800-4 aus dem Jahr 2021.

To be continued, möchte man sagen.

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