Wipp, Wipp, hurra! Ein Liebesbrief an die Schaltwippe

Dieses Jahr gibt es kein Schaltjahr. Macht nichts, denn jeder Tag ist ein Schalt-Tag. Auch der 28. Februar. Und obwohl jetzt schon die Puristen zucken: Ja, das ist er auch, wenn man mit Schaltwippen die Gänge kontrolliert. Ein Liebesbrief an die Schaltwippe.
Text Matthias Mederer
Bild Ralph Koch

Liebe Schaltwippe,

wie hast Du mich letzthin wieder grinsend gemacht. Auf einer einfachen Landstraße war‘s, irgendwo im südlichen Baden-Württemberg, wo die Kurven noch saftig sind und die Straßenwelt noch in Ordnung ist. Wir röchelten recht flott mit einem Turbo S der alten Generation die Kurven hoch. Ich am Steuer und Du gleich dahinter. Mit Zeige- und Ringfinger hab' ich Dich schalten und walten lassen. Einmal, zweimal, dreimal … Rauf und runter toben das Auto und ich durch die Gänge, während es gar herrlich spratzt, knallt, röchelt, röhrt und schreit.

Auf und nieder. Immer wieder. Bamm… bamm…

Mit mir als General und mit dir als Stabsoffizier hat das Getriebe die Gänge nachgeladen, so sauber und präzise wie ein Scharfschütze, während ich am Steuer wie ein berauschter Poet die Wortschöpfungen „Zackenbatz!“ und „Batz’n Zacken!“jodelte. Je nachdem, ob wir den Allradler gerade aus einer Kurve hinausjagten oder auf der Bremse in eine Kurve hineinpressten, während meine Finger an Dir wippten.

Und nie hast Du Dich besser mit einem Getriebe oder einer Automatik verstanden als beim Doppelkupplungsgetriebe des Turbo S. Schaltpausen? Die legt höchstens mal der Fahrer ein.

Und wie ich diese Zeilen so schreibe, muss ich zurück an 1989 denken. Rio de Janeiro. Auftakt zur Formel 1-Saison. Erstmals hörte ich von Dir. Du, Mansell und dieser Ferrari. Zusammen seid Ihr der Konkurrenz so dermaßen um die Ohren gefahren, dass für Eure Konkurrenten wohl lediglich ein nasser Fleck im Schritt des Rennoveralls noch peinlicher gewesen wäre. Fast anderthalb Sekunden wart Ihr dank Deiner deutlich kürzeren Schaltzeiten schneller. Pro Runde.

Doch nicht nur darüber durfte ich schmunzeln, sondern auch über Mansell, der nach dem Rennen nicht mehr aus seinem Auto kam, weil ihm sein untätiger linker Kupplungsfuß eingeschlafen war. Herrlich, wie ihm der damalige Rennleiter Cesare Fioro minutenlang den Oberschenkel massierte, damit Mansell zur Siegerehrung humpeln konnte. Dort mussten sie ihm auch noch den Pokal hochreichen. Bücken war nicht mehr drin.

Und doch: Es gibt tatsächlich Traditionalisten, die Dich nicht mögen. Sie bevorzugen den Wählhebel. Alternativ auch Handschalthebel, Schaltknauf, Schalthebel, Fußschalthebel, Schaltknüppel, Ganghebel, Gangwahlhebel oder Gangwahlschalter genannt. Keiner dieser Namen klingt wirklich schnell, sportlich oder wenigstens sexy, weshalb ich weder den Wählhebel noch die Traditionalisten mag. Schließlich war es einst auch ein Traditionalist, der überzeugt hinausposaunte, das Automobil sei nur eine vorübergehende Erscheinung.

„Ich glaube an das Pferd“, sagte er. Was für ein Esel!

Bevor ich mich jetzt an dieser Stelle aber zu sehr über die Konservativen und die Ewiggestrigen aufrege, all jene, die erst vom Gas gehen, dann träge mit dem linken Fuß die Kupplung treten, dabei die Hand vom Lenkrad nehmen, nach einem Hebel in der Mittelkonsole tasten und ihn wie einen Kochlöffel in der Kuchenschüssel durch die Fahrstufen rühren, um dann hoffentlich den richtigen Gang zu finden, möchte ich lieber mit unserem ach so vertrauten Gruß enden und schon freudig auf unser nächstes knackiges Treffen blicken.

In diesem Sinne: Wipp, wipp, hurra! Liebe Schaltwippe.


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